Helgoland.
geschwommen. Ich wollte nach Helgoland reisen, doch in der Nähe dieser Inselmußte der Kapitän wieder umkehren, weil der Sturm gar zu entsetzlich war. Eshat ganz seine Richtigkeit mit dem, was man von der Wildheit des Meeres sagt.Es soll einer der wildesten Stürme gewesen sein. Die See war eine beweglicheBerggegend. Die Wasserberge zerschellten gegeneinander, die Wellen schlugen überdem Schiff zusammen und schleuderten es hinauf und herab; Musik der Kotzendenin der Kajüte, Schreien der Matrosen, dumpfes Heulen der Wogen, Brausen,Summen, Pfeifen, Mordsspektakel, der Regen gießt herab, als wenn die himm-lischen Heerscharen ihre Nachttöpfe ausgießen, und ich lag auf dem Verdecke undhatte nichts weniger als fromme Gedanken in der Seele".
Nur wenig ist über seinen ersten Aufenthalt auf Helgoland zu berichten.Gedichtet und geschrieben hat er während dieser zwei Monate so gut wie garnichts. Das Jahr 1829 war überhaupt wenig ergiebig für ihn. Schon in Pots-dam hatte er den Schluß der „Reise von München nach Genua", die „Bäder vonLucca" und den Anfang der „Stadt Lucca" geschrieben. Von Gedichten sind imganzen nur fünf aus diesem Jahre bekannt, eins im „Neuen Frühling" („Himmelgrau und wochentäglich"), welches sicher in Hamburg entstanden ist, zwei aus den„Zeitgedichten" („Warnung" und „Geheimnis"), zwei aus den Romanzen undFabeln („Zur Beruhigung" und „Die ungetreue Luise"). Das ist das ganzeErgebnis des Jahres 1829.
Es entsteht nun die Frage: was hat Heine zwei Monate lang auf Helgo-land gemacht? Ich vermute, daß er auf der Düne gesessen und dem wechseln-den Spiel der Wellen zugesehen hat. Auch der Flug der Möwen wird ihnbeschäftigt haben. Die blöden Lummen werden wohl schon damals durch ihrGeschrei an der Westküste der Insel oder durch ihr komisches Watscheln durchdie Meeresslut allgemeine Heiterkeit hervorgerufen haben. Ob er am Dünen-strand auch nach Glückssteinen gesucht hat, wie wir heute, weiß ich nicht. Dasaber glaube ich als ziemlich sicher annehmen zu können, daß er gern mit denalten Lotsen auf der Falm gestanden und mit ihnen sich unterhalten hat. Ichbin überzeugt, daß sie ihm dann dieselben Fabeln aufgebunden haben, die sie unsheute mit behaglicher Breite erzählen, und auch das darf ich wohl als sicher an-nehmen, daß er von der alten Vaake aus und von der Nordspitze des Oberlandesgar oft den Sonnenball in das Meer hinabsinken sah, ein Anblick, gleich groß-arlig und erhaben an klaren Tagen wie bei Gewitterluft. Nicht minder schönmag ihm der Aufgang des Mondes, von der Falm aus betrachtet, erschienen sein,und sicher hat er die zauberhafte Wirkung, die das Meerleuchten in warmen August-nächten hier ausübt, an sich erfahren. Alle diese Stimmungen haben auf seinpoetisches Gemüt unzweifelhaft einen tiefen Eindruck hervorgebracht, und wenn sich