Livorno. Die Rückkehr. 137
Tage schrieb Heine auch einen Brief an Gustav Lolb, ebenfalls über die Fort-führung der „Annalen", der darum von besonderein Interesse ist, weil er seineaufrichtigen Gesinnungen enthüllt. Es ist nicht zu bezweifeln, daß Heine dieWahrheit gesagt hat, wenn er in diesem Briefe an Kolb schrieb: „Mein einzigerWunsch war, der liberalen Gesinnung, die wenig geeignete Organe in Deutschlandhat, ein Journal zu erhalten. Es ist die Zeit des Jdeenkampfes, und Journalesind unsere Festungen. Ich bin gewöhnlich faul und lässig, aber wo, wie hier, eingesamtes Interesse ganz bestimmt gefördert wird, da wird man mich nie vermissen".Als Motto für die neue Zeitschrift schlägt er den Gedanken vor: „Es giebt inEuropa keine Nationen mehr, sondern nur Parteien".
Leider fehlen nun alle folgenden Briefe Heines aus Italien. Erst MitteMärz 1829, nachdem er bereits über ein halbes Jahr zurückgekehrt ist, erhaltenwir wieder die ersten Briefe. Gleichwohl wissen wir aus seinem Paß, daß esHeine in Florenz so gut gefallen, daß er bis Ende November, fast volle siebenWochen, dock verweilte. Ob er die Absicht gehabt hat, seine Reise bis nach Romauszudehnen, oder ob er direkt nach Venedig zurückgehen wollte, ist nicht fest-zustellen. In seinen letzten Lebensjahren hat er sich Adolf Stahr gegenüberfolgendermaßen darüber ausgesprochen: „Denken Sie sich, ich bin nie nach Romgekommen; ich habe Rom nie gesehen! Es war etwas Wunderbares, daß ichnicht hin kam. Als ich in Oberitalien war, hatte ich nach Rom gewollt undfand dann, daß ich kein Geld hatte, denn daß ich ein ganz Teil englische Bank-noten, die ich von London übrig behalten, in Italien verkaufen könne, siel mirerst ein, als ich wieder in Deutschland war. Das wäre aber noch zu beseitigengewesen. Indessen mich überfiel eine so plötzliche krankhafte Sehnsucht nach meinemVater, daß ich es nicht aushalten konnte und mitten darin umkehrte. Es waranscheinend etwas Grundloses, ich konnte mir aber nicht helfen. Unterwegs erhieltich einen Brief meines Bruders, der mir schrieb, daß unser Vater lebensgefährlichkrank sei und daß ich bei Herrn Te.rtor in Würzburg Nachricht finden und dasWeitere erfahren würde. Ich fuhr also augenblicklich nach Würzburg, und wie ichdort ankam, war mein Vater tot." In diesen Mitteilungen haben wir zugleichden Bericht über die Rückreise Heines. Die Sehnsucht nach Rom spricht sich aberauch in den folgenden Worten seines Reiseberichts über Mailand aus: „Es warmir immer außerordentlich belehrend, wenn ich mit den Werken einer Schule auchdie Originale vergleichen konnte, die ihr als Modell gedient haben; der Charakterder Schule kam mir dann klarer zur Anschauung. So ist mir auf dem Jahrmarktzu Rotterdam der Jan Steen in seiner göttlichen Heiterkeit plötzlich verständlichgeworden; so habe ich späterhin am Lungarno die Formenwahrheit und dentüchtigen Geist der Florentiner und auf dem San Marco die Farbenwahrheit