Italienische Eindrücke. 129
Italien auf Heine gemacht hat, und dieser schreibt nun: „Was ich über Italiendenke, werden Sie spät oder früh gedruckt lesen. Der Mangel an Kenntnis deritalienischen Sprache quält mich sehr. Ich verstehe die Leute nicht und kann nichtmit ihnen sprechen. Ich sehe Italien, aber ich höre es nicht. Dennoch bin ich oftnicht ganz ohne Unterhaltung. Hier sprechen die Steine und ich verstehe ihrestumme Sprache, und auch sie scheinen tief zu verstehen, was ich denke. So eineabgebrochene Säule aus der Römerzeit, so ein zerbröckelter Longobardenturm, soein verwittertes gotisches Pfeilerstück versteht mich recht gut. Bin ich doch selbsteine Ruine, die unter Ruinen wandelt; gleich und gleich versteht sich schon. Manchmalzwar wollen mir die alten Paläste etwas Heimliches zuflüstern, und ich kann esnicht hören vor dem dumpfen Tagesgeräusch,- dann komme ich des Nachts wieder,und der Mond ist ein guter Dolmetsch, der den Lapidarstil versteht und in denDialekt meines Herzens zu übersetzen weih. Ja, des Nachts kann ich ganz Italienverstehen, dann schläft das junge Volk mit seiner jungen Opernsprache, und dieAlten steigen aus ihren kühlen Betten und sprechen mit mir das schönste Latein.Es hat etwas Gespenstisches, wenn man nach einem Lande kommt, wo man dielebende Sprache und das lebende Volk nicht versteht, und statt dessen ganz genaudie Sprache kennt, die vor einem Jahrtausend dort geblüht und, längst verstorben,nur noch von mitternächtlichen Geistern geredet wird, eine tote Sprache. Indessen,es giebt eine Sprache, womit man von Kapland bis Japan bei der Hälfte desmenschlichen Geschlechts sich verständlich machen kann. Und es ist die schönereHälfte, die man p-u- sxosllsnos das schöne Geschlecht nennt; diese Sprache blühtin Italien ganz besonders. Wozu Worte, wo solche Augen mit ihrer Beredsamkeiteinem armen Tedesco so tief ins Herz hineinglänzen; Augen, die besser sprechenals Demosthenes und Cicero; Augen - ich lüge nicht , die so groß sind wieSterne in Lebensgröße". Der Brief schließt mit der Versicherung, daß Heinedes Dichters des „Belisar" jedesmal gedenke, so oft er Lorbeerbäume sehe. Einsolches Kompliment konnte kaum aufrichtig gemeint sein; es ist auch in der Thatnichts als eine Schmeichelei für den einflußreichen Minister.
Am 1. September traf Heine in den Bädern von Lucca ein, deren romantischeLage in den Apenninen auch jetzt noch allsommerlich eine große Anzahl von Tou-risten und Badegästen anlockt. Der Hauptort dieser Bagni di Lucca ist Pontea Seraglio, welches man zunächst erreicht, und das malerisch an einer Krümmungder Lima liegt. Prächtige, von uralten Bäumen beschattete Alleen führen vonhier nach den umliegenden Ortschaften; die Wohnungen sind mit Weinlaub um-rankt, die Badeanstalten mit ihren warmen Quellen vortrefflich eingerichtet. DasThal der Lima mit seinen herabhängenden Kastanienwäldern ist kühl und schatten-reich, anmutige Spaziergänge führen aus einer Ortschaft in die andere auf gut-
Karpcies, G., Heinrich Heine. g