Manuskripte. Censur. 103
Besitze des Herrn Verlagsbuchhändlers Campe befinden dürfte. Aber auch inverschiedenen Autographensammlungen, wie in denen der Herren Karl Meinert inDessau, Alexander Meyer-Cohn in Berlin, ferner im Nachlasse des Amtsgerichts-rats Sethe, bei der Freifrau Elise von König-Warthausen, in öffentlichen Biblio-theken u. a. finden sich noch Manuskripte des Werkes vor. (Siehe die 2. und3. Beilage.)
Die meisten Kastrierungen hat wohl das „Buch der Lieder" durch die Censurer litten. Ich kann allerdings nicht bestimmt sagen, welchem Censor das Buch vor-gelegen und ob es überhaupt in der ersten Auflage sich einer Censur zu unter-werfen hatte. Jedenfalls hat diese Censur keine interessanten oder komischen Ver-brechen an den Werken begangen, die der Erwähnung wert wären. GeschulteBibliographen werden den Versuch, der neuerdings wiederholt unternommen wordenund dessen auch ich mich hier anzuklagen habe, nämlich den einer kastrierten Aus-gabe von Heines Gedichten für die Frauenwelt oder in usum tironnm, kaum indieses Kapitel stellen, und doch gehört er, wenn man es streng nehmen will,hierher. Ich hatte, als ich diesen Versuch zuerst wagte, die feste Ueberzeugung,daß Heine selbst eine solche kastrierte Ausgabe gebilligt hätte, wie merkwürdig diesauch klingt. Er hatte ja in den letzten Jahren die Absicht, alles, was aus derfrüheren blasphematischen Periode noch vorhanden war, die schönsten „Eiftblumen"aus seinen poetischen Werken, mit entschlossener Hand auszureißen. Den Ausschlaggab bei mir der Wunsch, auch jenen Kreisen ein anderes Bild, und zwar einbesseres von der dichterischen Individualität Heines vorzuführen, als das ist, welchesman bisher für das allein wahre ausgegeben hat. Ich kann nicht gerade sagen,daß mein Versuch geglückt ist; beim Publikum wohl, bei der Kritik jedoch durchausnicht, und ein deutscher Dichter, der auf den Namen Hugo Andriessen hört,hat sogar in Heines Manier auf diese kastrierte Ausgabe ein, ich muß es objektivsagen: recht hübsches, wenn auch etwas frivoles Gedicht gemacht.
Ein besonderes Interesse gewähren die Worte, die Heine in der Vorrede zurzweiten Auflage seines „Buches der Lieder" über den Anblick, den die erste Auf-lage in ihm erweckt, mitteilt. Er sagt dort, er habe fast ein ganzes Jahr gezaudert,ehe er sich zur flüchtigen Durchsicht des Büchleins habe entschließen können. „SeinAnblick erweckte in mir nur jenes Unbehagen, das mir einst vor zehn Jahren beider ersten Publikation die Seele beklemmte. Verstehen wird diese Empfindungnur der Dichter oder Dichterling, der seine ersten Gedichte gedruckt sah. ErsteGedichte! Sie müssen auf nachlässigen, verblichenen Blättern geschrieben sein, da-zwischen hie und da müssen welke Blumen liegen oder eine blonde Locke oderein verfärbtes Stückchen Band, und an mancher Stelle muß noch die Spur einerThräne sichtbar sein Erste Gedichte aber, die gedruckt sind, grell schwarz