Göttingen. 93
Die Geschichte der Beziehungen Heines zu Spitta hat aber noch ein Nachspiel,und leider ein recht häßliches. Vor mehreren Jahren tauchte urplötzlich in einemhannoverschen Blatte die mehr als seltsame Nachricht auf, Heine habe die freund-schaftlichen Beziehungen zu Spitta einfach dahin ausgenutzt, daß er diesem dasGedicht „Du bist wie eine Blume" geradezu aus der Manuskriptenmappegestohlen habe! Und für diese ungeheuerliche Beschuldigung berief sich jenes Blattsogar auf den eigenen Sohn des frommen Dichters. Allerdings mußte es kurzdarauf eine Erklärung des inzwischen auch verstorbenen Berliner Professorsvr. Spitta bringen, welche klipp und klar folgendermaßen lautete:
„Eine Notiz in einem hannoverschen Blatte, nach welcher das Gedicht »Du bistwie eine Blume« nicht von Heine, sondern von meinem Vater herrühren sollte,ist zu meiner Kenntnis gekommen und hat meine Verwunderung erregt. Mitdem Sohne, der über jene auffallende Thatsache 1860 in Göttingen sich geäußerthaben soll, kann nur ich gemeint sein. Ich halte aber das umstrittene Gedichtbis heute für ein echt Heinesches. Es sind mir weder äußere noch innere Zeug-nisse bekannt geworden, welche die Urheberschaft meines Vaters beweisen könnten.Ich erinnere mich auch nicht, je eine Aeußerung des Inhalts gethan zu haben.Es kann sich hier nur um ein Mißverständnis handeln. Sollte es scheinen, alssei die Berufung des Einsenders jener Notiz auf mich durch eine Anregungunserer Familie veranlaßt worden, so möchte ich auch diese Annahme alsgänzlich irrig bezeichnen."
Diese Erklärung des bekannten Musikschriftstellers ließ, so sollte man wenigstensmeinen, an Deutlichkeit und Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Sie gingauch damals durch alle deutschen Blätter. Aber sollte man es wohl glauben, daßjene alberne Verdächtigung nichts destoweniger auch heute noch in Blättern undBüchern wiederkehrt, die Heine feindlich gegenüberstehen? Ach ja, das alteSprichwort, daß Lügen kurze Beine haben, ist auch außer Mode gekommen indieser neuen Zeit!
Es erscheint deshalb auch heute noch nicht überflüssig, bei diesem Anlasse zuwiederholen, was ich vor mehr als fünfundzwanzig Jahren aus dem Munde Karlv. Holtei's — ich darf heute diese Quelle nennen, was damals nicht gewünschtwurde - über die Entstehung jener wundervollen Strophen vernommen habe.
Das Gedicht „Du bist wie eine Blume" ist 1823 in Berlin entstanden, woHeine auf einem Spaziergang ein junges, schönes Mädchen traf, das von Diebenihrer spärlichen Habe beraubt worden war. Heine brachte die schwarzäugige Mirjamsofort zu seiner Freundin Rahel Varnhagen, und diese nahm sich des jungenMädchens gern mit dem ihr eigenen Eifer an. Aber ihre schwarzen Augenwurden dem empfänglichen Herzen des jungen Poeten bald gefährlich, so daß