82 Dramatische Pläne.
Heine war in jenen Tagen sehr schaffenslustig. Sogar einen Operntert „DerBatavier" soll er damals für den bekannten Komponisten Bernhard Kleingeschrieben haben. Doch hat sich davon nichts erhalten. Er ahnte freilich nicht,als er jene Zeilen schrieb, daß sein „milder, Heller Almansor" zwei Tage vorherso jämmerlich durchgefallen war. Telegraphische Theaterdepeschen gab es damalsnoch nicht, und als ihn auf dem Schneckenwege der Post die traurige Kundeerreichte, hat sie den jungen Dichter sicher so verstimmt, daß er zunächst auch dieArbeit an der neuen Tragödie wohl kaum fortzusetzen geneigt war. Erst nachzwei Monaten erhalten wir wieder eine neue Nachricht über diese, abermals ineinem Briefe an Moser. „Ich schreibe jetzt zwar nichts Poetisches, doch drängtes mich, meine Tragödie zu schreiben. Es hängt alles von meinem Kopfe ab.Wenigstens das weiß ich, daß ich so bald nichts drucken lasse. Denk an die Notizenüber Liebeszauber." Und am 9. Januar 1824 schreibt Heine an denselben Freundkurz und klar: „Von meiner neuen Tragödie ist noch keine Zeile geschrieben"Gleichwohl ließ er den Plan nicht fallen? ja, noch im nächsten Jahre, inmitten derVorarbeiten zum juristischen Examen, beschäftigte ihn, wie wir aus dem Tagebucheseines Freundes, des späteren hannöverschen Amtsrichters Dr. Eduard Wedekind,erfahren, die venetianische Tragödie, von der er aber gar nicht sprach. Das ist dieletzte Nachricht über den Plan, von dem später nie wieder die Rede war. Nur einemündliche Mitteilung seines Bruders Maximilian Heine kann ich hier noch anführen,die er mir 1872 mit großer Bestimmtheit machte und die mit diesem Plane sicherzusammenhängt. Jener Mitteilung zufolge hat Heine im Jahre 1823 seinemBruder schon die Exposition über die erste Szene einer Tragödie vorgelesen, inder die von ihm anderweitig geschilderte Hexe von Goch und das „blasse, verfehmteKind Josepha", die Nichte des Düsseldorfer Scharfrichters, als italienische Zauber-weiber dargestellt waren. Zu der alten Italienerin, von der Heine in dem obenerwähnten Briefe an Moser schreibt, hätte also die Muhme Zippel Modell gesessen.Indes möchte ich auf diese Mitteilung nicht allzugroßen Wert legen. Max Heinehat es nur zu oft versucht, seinem alternden Gedächtnis in freier Weise nach-zuhelfen, und er selbst berichtete später, daß Heine in jungen Jahren aus diesemStoff eine Novelle gemacht habe, die bei dem Hamburger Brand im Hauseseiner Mutter mit den übrigen Papieren verbrannt sei. Entweder liegt hieralso ein Irrtum vor, oder Heine hat den sicher dankbaren Stoff zuerst in einerTragödie und, als diese nicht recht von statten gehen wollte, in einer Novellebehandelt.
Ungleich mehr als von seiner venetianischen wissen wir dagegen von einerdeutschen Tragödie, die Heine in jungen Jahren plante. Er wollte nämlich nichtsmehr und nichts weniger als einen neuen Faust schreiben. Darf man diesmal