Almansor und Ratcliff. 81
und die deshalb in den letzten Jahren wiederholt Gegenstand dramatischer Versuchegewesen ist. Mascagnis Oper „Ratcliff" ist seit Jahren auf dem Repertoire derhervorragendsten Bühnen.
Aber alle seine Mißerfolge konnten es nicht hindern, daß der junge Poet dasHaschen nach dramatischen Lorbeerkränzen unverdrossen fortsetzte. Mancherlei drama-tische Projekte und Entwürfe schwirrten namentlich in jungen Jahren, aber auchspäter durch seinen Kopf, ohne jedoch jemals Gestaltungskraft zu erlangen. Es istja zweifellos von Interesse, in die Geisteswerkstätt eines großen Dichters hinein-zuschauen und auch die Pläne, Entwürfe und Fragmente kennen zu lernen. SolcheBetrachtung hat sogar oft größeren Nutzen für die Erkenntnis eines Dichters zuTage gefördert, als das Studium seiner vollendeten Werke. Dies ist nun aller-dings bei Heines dramatischen Plänen nicht der Fall, aber interessant sind siedarum doch nicht minder. „Man gewinne einen Schriftsteller nur erst lieb", sagtLessing, „und die geringste Kleinigkeit, die ihn betrifft, die einige Beziehung aufihn haben kann, hört auf, uns gleichgültig zu sein." Und wie Lessing dannweiter sagt, nachdem er berichtet, daß von den letzten Stücken des Sophokles nurdie Titel auf uns gekommen, „doch auch diese Titel werden diejenigen nichtohne Nutzen studieren, welche Stoff zu Trauerspielen suchen", so wird man,ohne etwa einen Vergleich zwischen Heine und Sophokles anstellen zu müssen,doch wohl aus dem gleichen Beweggründe auch seine dramatischen Pläne gernkennen lernen.
Gerade in der Zeit, wo der „Almansor" in Braunschweig aufgeführt und aus-gepfiffen wurde, im Spätsommer 1823, beschäftigte Heine sehr lebhaft die Ideeeiner „venetianischen Tragödie". In einem Briefe aus Lüneburg an JosephLehmann, in dem er Rechenschast über seine Arbeiten während des Jahres giebt,berichtet Heine am 26. Juni 1823: „Eine ganze, neue, fünfaktige und gewiß injeder Hinsicht originelle Tragödie steht dämmernd, doch mit ihren Hauptumrissenvor mir". Darauf reiste Heine ins Seebad nach Cuxhaven, und von dort schrieber an seinen intimsten Freund und litterarischen Beichtiger Moses Moser am23. August in einem auch sonst bedeutungsvollen und interessanten Briefe: „MeineNerven sind sehr gestärkt, und wenn die Kopfschmerzen nachlassen, werde ich nochin diesem Jahre viel Kräftiges schreiben. Die Tragödie ist im Kopfe ausgearbeitet,ich gebe mich ans Niederschreiben, sobald ich kann und Ruhe Hab'. Sie wirdsehr tief und düster, Naturmystik. Weißt du nicht, wo ich etwas über Liebes-zauber und Zauberei überhaupt lesen kann? Ich habe nämlich eine alteItalienerin, die Zauberei treibt, zu schildern. Ich lese viel über Italien. Denkan mich, wenn dir etwas in die Hände fällt, was Venedig betrifft, besondersden venetianischen Karneval".
Rarpcles, E., Heinrich Heine. 6