Heine über Grabbe. 77
„Reisebildern" manche Redensarten Grabbes aufgenommen hat, von der Wüstheitund dem Schwulst des „Gothland" wird man aber wohl vergeblich auch nureine Spur darin suchen.
Noch aus Grabbes letzten Lebenstagen berichtet Heinrich Laube eine komischeAeutzerung über dessen Verhältnis zu Heine. Schon in Berlin hatte Grabbewiederholt versucht, Heine „anzurempeln". Dies mißlang ihm jedoch. Heine, derdie rohe Lebensart Grabbes kannte, nahm keine Notiz von ihm, noch von denBeleidigungen, die dieser gegen ihn häufte. Das konnte ihm Grabbe bis in dieletzten Lebenstage nicht vergessen, und er äutzerte seinen Zorn darüber auch gegenLaube, als dieser ihn einmal besuchte. „Aber was sollte Heine mit Ihnen thun?"fragte Laube, „sollte er Sie fordern?" „Nein, derartig war die Sache nicht!"„Sollte er Sie denn prügeln oder, da er körperlich der Schwächere war, auchprügeln lassen?" „Nein, das war alles unzureichend", erwiderte Grabbe, „ermutzte mich morden!"
Wie vorteilhast sticht das Benehmen Heines von dem wüsten, renommistischenTon ab, den Grabbe gegen ihn zeitlebens anzuschlagen beliebte! Kaum warGrabbe tot, so beschäftigte sich Heine angelegentlich mit der Idee, eine Charakteristikseines Schaffens zu schreiben. Wir wissen bereits, datz er ihn als einen der genialstenDichter betrachtet hat; sicher hätte die Charakteristik, die er für August Lewalds„Europa" bestimmt hatte, ein Zeugnis für diese Wertschätzung abgelegt. Am10. April 1837 schreibt er an Lewald: „An den Grabbe habe ich bereits Handgelegt; aber ich werde nicht weiter schreiben, ehe ich Dullers Biographie desUnglücklichen gelesen". Bei jeder Gelegenheit erinnert er sich des alten Freundes.In seinen Memoiren will er ihm einen hervorragenden Platz anweisen; bei einerVervollständigung seiner Arbeiten über die deutsche Litteratur denkt er besondersan Grabbe, Jmmermann, Kleist und Oehlenschläger, „die vier grotzen dramatischenDichter, von denen ich schändlicherweise nicht gesprochen habe, und über die ichdoch so viel zu sagen hätte". In einer Chrestomathie der deutschen Litteratur, dieer mit I. H. Detmold herauszugeben gedenkt, will er Grabbe einen der ersten Plätzeanweisen, und noch zwei Jahre vor seinem Tode beschäftigt er sich angelegentlichstmit diesem. Julius Campe hatte ihm im Frühjahr 1854 das Manuskript vonKarl Zieglers biographischem Werke über das Leben Grabbes zur Beurteilungzugesandt. Heine las es aufmerksam durch und schrieb darüber an seinen Ver-leger am 10. März 1854: „Das Manuskript über Grabbe, das ich Ihnen zurück-gesandt, ist höchst merkwürdig für die Literaturgeschichte und würde auch außerdemviel Aufsehen erregen. Aber es sind doch für den Verleger, wenn er mit seinemGewissen sich abfinden will, sehr häklige Dinge darin, über die ich mich ein anderesMal äußern will. Gedruckt mutz das Manuskript werden so wie es ist, sonst