Erste Liebe. 55
kennst nicht den Geist, der hier herrscht. Und gegen dich kann ich's aufrichtiggestehen! außerdem, daß in dieser Schacherstadt nicht das mindeste Gefühl für Poesiezu finden ist — es seyen denn eigends bestellte und baar bezahlte Hochzeits-,Leichen- oder Kindtaufs-Carminaden —, so hat sich auch noch dazu gesellt seit einigerZeit eine schwüle Spannung zwischen den getauften und ungetansten Juden....Bey so bewandten Umständen läßt sich leicht voraussehen, daß christliche Liebe dieLiebeslieder eines Juden nicht ungehudelt lassen wird."
Gleichwohl war es ein Organ der christlichen Liebe, welches damals die erstenGedichte Heines veröffentlichte. Eine längst vergessene Zeitschrist! „HamburgsWächter", welche nur ein Jahr lang unter der Redaktion eines heimischen Schrift-stellers, vr. Karl Trümmer (1792- 1858), erschien, brachte unter dem wunderlichenAnagramm: „Sy Freudhold Riesenharf", das er sich aus den Buchstaben seinerVaterstadt Düsseldorf und seines eigenen Vor- und Zunamens mühsam zusammen-gestellt, in den Nummern vom 8. und 27. Februar und vom 17. März 1817Lieder des Dichters (Die Weihe, die Lehre, Don Rodrigo und mehrere der Traum-bilder). Wir wissen nicht, welche Aufnahme diese „Lieder der Minne" gefundenhaben, aber wenn wir die alten vergilbten Blätter dieser Zeitschrist noch einmalaufmerksam durchsehen, so wird uns manches in den oben erwähnten Stellen ausden Briefen an Sethe leicht erklärlich. Die schwüle Spannung gegen die Judenund gewisse katholisierende Neigungen treten darin am deutlichsten hervor. Schondie erste Nummer bringt einen sehr scharfen Artikel gegen die Juden im Anschlußan die bekannte Schrift von Prof. Rühs, in welchem es zum Schlüsse heißt! „Ummit ein paar Worten das Schrecklichste zu sagen, so denke man sich einen Staatmit einem jüdischen Finanz- und einem jüdischen Justizminister! Kann etwasHäßlicheres gedacht werden? Das Herz erbebt vor dem Gedanken in seinerinnersten Tiefe, und der Genius der Menschheit wendet traurig sein Antlitz vondem Bilde."
Bald darauf folgt eine verhimmelnde Biographie des Komikers Albert Wurm,der durch seine Darstellung des Juden in der Posse „Unser Verkehr" eine juden-feindliche Strömung in jener Zeit hervorgebracht und den Heine ganz besondersmit seinem Hasse verfolgte. Er sagt von ihm in den Reisebildern, daß er zurDarstellung „gar besonders seichter, witzloser, pöbelhafter Gesellen" in Berlinengagiert sei, „er, der seine Geistesgenossen jedesmal entzücke, wenn er sich inseiner wahren Größe erhebe. Jeder Zoll ein Lump!"
Man kann sich also wohl denken, mit welchem Gefühl Heine diese Zeitschristgelesen, und gleichwohl mußte er am Ende noch froh sein, daß seine Gedichteüberhaupt aufgenommen wurden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dies nurdurch Vermittlung einiger einflußreicher Freunde geschehen ist.