Druckschrift 
Heinrich Heine : Aus seinem Leben und aus seiner Zeit
Entstehung
Seite
43
Einzelbild herunterladen
 

Der Vetter aus England, »?:»-< 43

rvandter hinterlassen hat, der vor Olims Zeiten in die Ferne gegangen war, umdort das Glück zu suchen, das er in der Heimat nicht gefunden, und der es nun,ziemlich selbstverständlich, in fremden Landen auch wirklich gefunden hatte, währenddie Familie im Heimatsstädtchen in ihrem Besitzstande durch allerlei Fehlschlägezurückgekommen ist und nun diese Erbschaft sehr gern antreten möchte. Gewöhnlichhat sie dann aber ihren Stammbaum so vernachlässigt, daß es ihr nicht gelingt,die nötigen Legitimationen beizubringen.

Auch in der Familie Heines existierte ein solcher Millionenonkel, und ich willdie Geschichte von derriesengroßen" Erbschaft, die bisher nicht bekannt gewesen,hier getreulich wiedererzählen, wie ich sie in den authentischen Papieren eines Seiten-zweiges der Familie van Geldern aufgezeichnet gefunden habe. Denn sie erklärtuns das Milieu, aus dem Heine hervorgegangen, besser als die gründlichstenlitterarhistorischen Kommentare zu der Geschichte seiner Jugend, deren interessantestePartien ja leider noch immer im Dunkel liegen.

Im ersten Kapitel dieses Buches ist schon die Rede davon gewesen, daß dieFamilie van Geldern von den Wechselfällen des irdischen Geschickes ziemlich oftheimgesucht wurde. Die Geschichte von der Millionenerbschaft spielt in einer Zeit,da die Generation der Familie, die in ihr lebte, die Sehnsucht nach einem unver-hofften Glücksfall zu hegen wohl allen Grund hatte. Das lehrt uns schon dererste der mitzuteilenden Briese, die fast alle in jüdisch-deutscher Schrift abgefaßtund inhaltlich zwar meist hochdeutsch, aber doch mit gewissen hebräischen Floskeln,wie sie im damaligen Briefstil der Juden üblich waren, untermischt sind. DieBriefschreiberin ist eine Base der Mutter Heines, Frau Sarah Abraham ausNymwegen in Holland. Diese ehrwürdige Dame eröffnet den Reigen der gutenBotschaften über die große Erbschaft. Ihr erster Brief ist an Betty Heine, derenhebräischer Vorname Channe Peierche war, gerichtet und lautet wie folgt:

Nymwegen, den 14. April 1809.

Liebe Channe Peierche!

Ich weis; gar nicht, was ich denken so», daß ich in einer so geraumen Zeit gar nichts gehörtHab von Euch, und Ihr habt doch Gelegenheit gehabt, mir zu schreiben .. . Jetzt, Channeleben,mutz ich Euch was Neues schreiben, welches Du an Pinchas mutzt schreiben. Da ist eine Jerusche(Erbschaft) vorhanden für die Familie Bock! Ich habe die Advertise aus dieAmsterdamerCourant" abgeschrieben."

Es folgen nun detaillierte Mitteilungen über einige Verwandte, welche diedringende Bitte an Pinchas Bock in Siegburg richten, ob er etwas über denMann wisse, von dem die Erbschaft herstammt. Dann berichtet Frau SarahAbraham weiter: daß eine Verwandte in Amsterdam sich bereits wegen desTestaments dort informiert habe, daß dieses sich aber noch in London befände.Sie schließt: