10 Der A^nen^ciül.
Es ist recht bedauerlich, daß wir über die Familie Heines väterlicherseits nichtso gut unterrichtet sind wie über die Familie van Geldern. Stand die väterlicheFamilie in jedem Falle hinter der mütterlichen an sozialem Nang und geistigerBedeutung weit zurück, so wäre es doch von großem Interesse, den Stammbaumdes Dichters auch nach dieser Richtung hin zu verfolgen. Sind auch alle, dieHeinrich Heines Leben genau kennen, der lleberzeugung, daß es wesentlich dieMutter gewesen ist, die auf sein Werden und Wachsen den wichtigsten Einflußausgeübt, so schwärmen gleichwohl, wenn wir die Jugendzeit des Dichters auf-merksam betrachten, die Gedanken immer wieder abwärts „nach seines VatersHallen, wo die Sonne zuerst den Himmel vor ihm aufschloß".
Seit Jahren war es daher mein unablässiges Bemühen, der FamiliengeschichteSamson Heines (so hieß der Vater des Dichters) nachzugehen. Was ich darübererkundet, habe ich in folgendem zusammengestellt. Es ist nur wenig, aber es führtuns doch immer auf die rechte Spur. Dies ist um so notwendiger, als Heine inseinen Memoiren um eines Witzes willen das Bild seines Großvaters leider argentstellt hat. Zweimal nur erwähnt Heine in seinen Schriften den Großvater;das erste Mal in dem Wintermärchen „Deutschland", also im Januar 1844, woer seine Reise von Paris nach Hamburg schildert. Dort heißt es im Kapitel 19:
Zu Bückeburg stieg ich ab in der Stadt,
Um dort zu betrachten die Stammburg,
Wo mein Großvater geboren ward;
Die Großmutter war aus Hamburg.
Er erzählt noch, daß ihm beim Abschied das halbe Fürstentum Bückeburg an denStiefelsohlen kleben geblieben sei und daß er „so lehmige Wege" noch nie in seinemLeben gesehen habe. Zum zweitenmale gedenkt Heine seines Großvaters in denMemoiren, also am Abend seines Lebens. Er verteidigt sich dort gegen den Vor-wurf seiner Feinde, daß er bei biographischen Mitteilungen sehr viel von seinermütterlichen Familie, aber gar nichts von seinen väterlichen Sippen und Magengesprochen habe. Diese Gegner ^ ich weiß nicht, wer dieselben waren bezeich-neten solches als ein absichtliches Hervorheben und Verschweigen und beschuldigtenihn derselben eitlen Hintergedanken, die man auch „seinem seligen Kollegen",Wolfgang Goethe, vorgeworfen habe. Heine verteidigt sich dann später underklärt, es sei nicht seine Schuld, wenn er in seinen Schriften von einem väter-lichen Großvater nie gesprochen habe. Er erzählt hierauf: „Die Ursache ist ganzeinfach; ich habe nie viel von ihm zu sagen gewußt. Mein seliger Vater war alsfremder Mann nach meiner Eeburtsstadt Düsseldorf gekommen und besaß hierkeine Anverwandten, keine jener alten Muhmen und Basen, welche die weiblichenBarden sind, die der jungen Brut tagtäglich die alten Familienlegenden mit epischer