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XXIII, Der Kampf um Heine
die europäische Kulturwelt konnte sich nur unter schweren Reibungenvollziehen, und der Kampf um Heine ist letzten Endes ein Kampfum das Judentum selber, um die Enianzipation der Juden. Obman sie für einen Segen oder Unsegen hält, ob man in ihr einenotwendige Entwicklung oder eine zufällige Gabe der Revolutionsieht, ob sie in dieser überhasteten Weise erfolgen mußte oderzweckmäßiger langsam und allmählich durchgeführt worden wäre,das sind Fragen, die zum mindesten der ernstesten Erörterung fähigsind, wenn sich auch an der vollzogenen Tatsache nichts mehrändern läßt, sowenig wie an der Rezeption des römischen Rechtesoder an der Religionsspaltung des 16. Jahrhunderts, sosehr sie auchvon den einen bedauert, von den andern gepriesen werden.
Es wäre für den Biographen angenehmer, diese heikle Fragenicht zu berühren, aber sie ist für Heine von so ausschlaggebenderBedeutung, daß man sich nicht feige um sie herumdrücken darf.Freilich einen jüdischen Dichter gibt es nicht. Wer deutsch dichtet,nicht nur deutsch schreibt, ist ein deutscher Dichter, mag seinereligiöse und staatliche Zugehörigkeit sein, welche sie wolle. Chamissoist ein deutscher, Boccaccio ein italienischer Dichter, mag auch dieWiege des einen in Frankreich, die des andern in Paris gestandenhaben. Heine hat sich selbst einmal im vermessenen Jugendmutals einen „jüdischen Dichter" bezeichnet. Aber was bedeutete dieserAusdruck in seinem Munde? Nichts anderes, als daß er den Ruhmseines Volkes verkünden, daß er die Leiden und Hoffnungen Israelsim Liede darstellen wollte. Das hat Racine in „Athalie" und„Esther", Byron in seinen „Hebräischen Melodien" getan, undsie sind darum keine jüdischen Dichter. Der Stoff bildet nicht dasWesen der Dichtung, und das moderne Judentum besitzt gar nichtdie Kraft, die Einheit des Gedankens und der Weltanschauung,um eine Poetische Form hervorzubringen. Ob ein Christ oder einJude einen „Belsazar", eine Christustragödie oder „Herodes undMariamne" schreibt, mag für den Inhalt einen großen Unterschiedausmachen, für die Form bleibt es ganz gleichgültig. Zwar wollendie meisten Literarhistoriker in Heines Dichtungen jüdische Züge