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XIX, Deutschland
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
„Deutschland, wir weben dein Leichentuch,wir weben hinein den dreifachen Fluch —wir weben, wir weben!
„Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebetenin Winterskälte und Hungersnöten;wir haben vergebens gehofft und geharrt,er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt —wir weben, wir weben!
„Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,den unser Elend nicht konnte erweichen,der den letzten Groschen von uns erpreßt,und uns wie Hunde erschießen läßt —wir weben, wir weben!
„Ein Fluch dem falschen Baterlande,wo nur gedeihen Schmach und Schande,wo jede Blume früh geknickt,wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt —wir weben, wir weben!
„Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,wir weben emsig Tag und Nacht —
Altdentschland, wir,weben dein Leichentuch,wir weben hinein den dreifachen Fluch,
wir weben, und weben!" fll, 177,)
In den fünf Strophen liegt mehr Poesie als in dem langen DramaGerhardt Hauptmanns, ja mehr als in der gesamten Arme-Leute-Dichtung der letzten dreißig Jahre. Mehr soziales Mitgefühl mögenunsre Modernen besitzen, Heine war der größere Dichter. Er schriebdas Gedicht in Paris, nicht in Berlin oder Breslau, und an OrtStelle im Anblick der hungernden Weber hätte er es sicher nichtgeschrieben. Er wollte damit nicht zur Revolution aufreizen. DieNot der Weber war ihm kein Politisches, sondern ein poetischesMotiv, und gerade dadurch konnte er es so meisterhaft in derStimmung aufgehen lassen. Jedes einzelne dieser satirischen Zeit-gedichte mag revolutionär wirken, dadurch erklärt sich, daß sie ver-boten wurden, ja daß der Dichter sie überhaupt nicht drucken durfte