Vereinsamung 493
Jede einzelne dieser MißHelligkeiten hätten Heines unverwüstlicheLebensfreude kaum berührst sie war so stark, daß sie selbst dieLeiden der Matratzengruft überdauerte. Den politischen Ent-täuschungen stellte er seine Tugend entgegen. Der Mann, in dessenTaschen die Franken der französischen Pension klimperten, schrieban Lewald: „Ich habe etwas, worauf ich baue: ich habe nie diegeringste zweideutige Handlung mir zu Schulden kommen lassen,und meine Feinde haben immer zu Lügen ihre Zuflucht nehmenmüssen." Heine glaubte an seine Makellosigkeit, er war sicher auf-richtig und wollte dem Freunde keinen blauen Dunst vormachen.Er war der Schauspieler seines Ideals und verwuchs so innigmit der Rolle, daß er selbst Wirklichkeit und Theater nicht mehrunterscheiden konnte. Heine kannte seine Menschlichkeiten sehr genau,aber in seiner Phantasie war er der fleckenreine Volkstribun. Wolltedas deutsche Volk in seinem Unverstand nichts von diesem Heldenwissen, nun, so konnte er sich mit einem spöttischen Wort darüberhinwegsetzen: „Mag blasen, wer will, für den deutschen Janhagel."
Über die politische Enttäuschung hätte Heine sich unschwergetröstet, aber dazu kam die gesellschaftliche Zurücksetzung, die ewigeGeldnot, diese aufreibende Zwickmühle zwischen Mathildens Ver-schwendung und Campes Knickrigkeit, und dazu kam seine Krank-heit. Die einzelnen Anfälle ertrug er zwar mit einer erstaunlichenFassung, aber ihre Wiederholung und damit die Unsicherheit überdie nächste Zukunft zermürbten ihn. Dieser großen Überzahl vonMißHelligkeiten war selbst Heines Optimismus nicht gewachsen.Nicht daß er in die entgegengesetzte Anschauung umschlug oder anirgendeiner Stelle gewaltsam scheiterte, aber bei allem Hang zumLeben stellte sich die unfrohe, unbehagliche, blasierte Stimmung ein,aus der seine zweite Lyrik erwuchs.
Ausgetrunken ist der Kelch,der mit Siunenrausch gefüllt war,schäumend, lodernd, bis am Rande;ausgetrunken ist der Kelch.
Es verstummen auch die Geigen,die znm Tanze mächtig spielten,