Entfremdung
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meintliche Überlegenheit machte es ihm unmöglich, die Wurzel desÜbels und das Schiefe seiner Stellung zu erkennen. Dazu wardie dauernde Berührung mit Deutschland nötig, und insofern hattendie Freunde recht, die ihn zur Aufgabe des Exils einluden. Sieübersahen nur, daß sie etwas subjektiv unmögliches von Heineforderten. Er stand vor einem Rätsel. Wie war es möglich, daßer von allen Seiten so verkannt wurde? Entrüstet schrieb er anLaube: „Ich, der ich vielleicht der entschiedenste aller Revolutionärebin, der ich auch keinen Finger von der geraden Linie des Fort-schritts gewichen, der ich alle großen Opfer gebracht der großenSache — ich gelte jetzt für einen Abtrünnigen, einen Servilen!"Er begriff die Stimmung nicht, und da er gewohnt war, stetspersönlich zu denken, so machte er die Verleumdungen der Gutzkowund Genossen dafür verantwortlich. Freilich hatte er gelegentlichselbst den Eindruck, daß er in die Zeit der „rohen Tatsachen", der„Dampfwagen, des Kohlendampfes und des Gasbeleuchtungs-gestankes" nicht mehr Passe; er hatte ja den Kampf, wie er esnannte, die Selbstaufopferung für das Volk stets als „einen derraffiniertesten Genüsse" empfunden, jetzt aber stellte man ihm klippund klar mit dürren Worten die Aufforderung, entweder für dieeine oder die andre Seite Partei zu ergreifen. Das vermochteHeine nicht, er vermochte sich nicht in Reih und Glied zu stellen,er kämpfte stets für die „Freiheit des Genius", also im letztenEnde für die Willkür des Romantikers, für die Unabhängigkeit' der entfesselten Persönlichkeit. Seine Parole war überlebt, und dasWort der neuen Zeit verstand er nicht mehr. Die Vorgänge inDeutschland machten nur einen verwirrenden Eindruck auf ihn.
Von Friedrich Wilhelm IV. hielt er nichts. Er teilte keine derHoffnungen, die die Liberalen auf ihn setzten. Der Dichter undder König waren im innersten Kern verwandte Naturen, beideRomantiker. Der Fürst liebte die Poesie seines Gesinnungsgenossen,selbst dessen schlimmste Spottverse auf Preußen und Deutschland,aber Heine vergalt diese Zuneigung nicht. Er wußte, daß einRomantiker sehr gute Gedichte machen und sich auch für Ideen