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XVIII. Lutetia
Die Ereignisse öffneten den Leuten die Augen. Das MinisteriumThiers schien nicht abgeneigt, seine schwierige Lage, in die es inerster Linie durch seine ungeschickte Orientpolitik geraten war, durcheine Diversion am Rhein zu erleichtern. Der GeschichtschreiberNapoleons wollte den unruhigen Ehrgeiz seines Landes, das währenddes Bürgerkönigtums außenpolitisch nur Niederlagen eingesteckt hatte,durch rheinisches Land befriedigen. In mächtigen Akkorden brausteihm Niklas Beckers Lied entgegen: „Sie sollen ihn nicht haben,den freien deutschen Rhein!" Es war schlechte Poesie, aber denSängern von 1840 lag nichts an der Ästhetik. In diesen schwachenReimen und in dieser trivialen Melodie kam zum erstenmal eineinheitliches nationales Bewußtsein zum Ausdruck. Die Gefahr fürdas Rheinland war nicht so groß, wie sich die Mitglieder derGesangvereine von Königsberg bis Stuttgart vorstellten, Thiers'Sturz wurde nicht durch die Macht ihrer Töne herbeigeführt, aberdas Wichtigste war, daß sie an die Gewalt ihres Liedes glaubten.Die Überzeugung, daß der Feind vor der Gesamtbegeisterung eineseinigen Volkes zurückgewichen sei, ließ alle mit froherer Zuversichtin die Zukunft blicken.
Heine stand dem Umschwung, den die liberale Bewegung mitdem Jahre 1840 nahm, völlig fremd gegenüber. Er sowohl wieseine wenigen deutschen Freunde, die „dreieinhalb Menschen", dieer in der Heimat liebte, beobachteten mit wachsendem Unbehagendie Kluft zwischen dem Dichter und seinem Volke. Sie schoben dieSchuld auf seinen Aufenthalt in der Fremde. Laube und Lewaldrieten ihm, wie wir gesehen haben, dringend zur Rückkehr in dieHeimat. Heine ging nicht darauf ein, in dem richtigen Gefühl, daßer seine Rolle nur in Paris zu Ende spielen könne. Nicht derRaum, sondern die Kluft der Idee trennte ihn von Deutschland.Er konnte und wollte die Entwicklung, zu der er teilweise selbstden Anstoß gegeben hatte, nicht mitmachen. Sie schritt über ihnhinweg und er kam ins Hintertreffen. Der Aufenthalt in Parismehrte nur dadurch die Entfremdung, daß der Dichter sich einredete,die „Sachen aus der Ferne besser zu sehen". Gerade diese ver-