Verschiedene
479
Amouren" mögen die Neugier interessieren, aber die Neugier, dieSucht nach dem Stoff, vernichtet die Kunst.
Heines Absicht mar ganz klar. Er wollte unter dem Ein-fluß des Saint-Simonismus der alten romantischen Lyrik, derLyrik des Spiritualismus, det „blöden Jugendeselei", wie er siejetzt nannte, eine neue reifere Kunst gegenüberstellen, die Lyrik desSensualismus, des Lebensgenusses. In einem der nachgelassenenEinfälle erklärte er: „Unsre Lyrik ist ein Produkt des Spiri-tualismus, obgleich der Stoff sensualistisch: die Sehnsucht desisolierten Geistes nach Verschmelzung mit der Erscheinungswelt,to ininZIo nütll nnturo. Mit dem Sieg des Sensualismus mußdiese Lyrik aufhören, es entsteht Sehnsucht nach dem Geist: Senti-mentalität, die immer dünner verdämmert, nihilistische Pimper-lichkeit, hohler Phrasennebel, eine Mittelstation zwischen Gewesenund Werden, Tendenzpoesie." Als den typischen Vertreter dieserPoesie betrachtete unser Dichter Freiligrath, dem er Mangel anNaturlauten und an Ursprünglichkeit vorwarf. Das Wesen derDichtung bestand in Heines Auffassung darin, daß „der Ausdruckund der Gedanke" zu gleicher Zeit entspringen, während die neueSchule erst nachträglich den Gedanken mühsam in eine Formbrachte. Diese verlorne Einheit der Empfindung suchte er aus dersaint-simonistischen Idee zu erneuern. Sein Programm lautet ineinem dieser Gedichte:
Vernichtet ist das Zweierlei,das uns so lang betöret;die dumme Leiberquälereihat endlich anfgehöret.
Hörst du den Gott im finstern Meer?
Mit tausend Stimmen spricht er.
Und siehst du über nnserm Hauptdie tausend Gotteslichter?
Der heil'ge Gott, der ist im Lichtwie in den Finsternissen;und Gott ist alles was da ist;er ist in unsern Küssen.