434 XV, Kämpfe
leumdungen, die er der Welt über mich insinuiert hat, ins Grabgegangen."
Den Radikalen Börnescher Richtung hatte der Dichter mehr Zu-geständnisse gemacht, als ihm aus sachlichen und persönlichen Gründenlieb war. Gerade die Schriften, die ihm in der Heimat die meistenSchwierigkeiten bereiteten, verfolgten den Zweck, die Ultras zu ver-söhnen und diese „Schufte und Verrückten" zu entwaffnen. Heinefürchtete sich vor den Unentwegten, und gerade weil er sie fürchtete,haßte er die Gesellschaft mehr, als sie es verdiente, und wartete auf denAugenblick, um ihnen alles zu vergelten. Die Stunde der Abrechnungwar jetzt gekommen, obgleich das Haupt der Gruppe, Börne selbst, seitdrei Jahren tot war. Ein besonderer Anlaß für Heine lag nicht vor.Das Buch „Ludwig Börnes Urteil über H.Heine. Ungedruckte Stellenaus den Pariser Briefen" war noch nicht erschienen. Es enthieltdie ärgsten Schmähungen, aber nicht zur Verteidigung gegen diesespostume Pamphlet griff Heine zur Feder, sondern sein „Börne" warschon vorher geschrieben und erschien auch vor dem feindlichen Mach-werk, wenn auch in demselben Jahre. Während Heine daran arbeitete,weilte Laube längere Monate in Paris. Er mahnte den Freunddringend, die Ruhe des Toten nicht zu stören und sich nicht an demIdol der Liberalen zu vergreifen. Aber Heine wollte nicht hören.Der Groll wurzelte zu tief in seiner Brust, die Verbitterung, diesich seit Jahren angehäuft, mußte einen Ausweg haben. Wenn ergerade diesen Zeitpunkt wählte, so geschah es vielleicht, weil derunerhörte Kultus, der mit dem toten Börne getrieben wurde,ihn reizte. Der Schatten des Verstorbenen war stärker, als erim Leben gewesen war, und drohte ihn, Heine, auf den zweitenPlatz zu drängen. Den Toten mußte Heine bekämpfen, währender den Lebenden verachten konnte. Laube riet, dem Freund, möglichstsachlich zu bleiben. Ein trefflicher Rat. Aber Heine hatte gegenBörne sehr wenig Sachliches, sehr viel Persönliches zu sagen. Erwollte ja den Menschen treffen, der ihm jetzt lästiger und ver-haßter war als je zuvor. Dieser Börne lebte für ihn, wie demDichter jede Gestalt lebendig ist, die er schafft; er begriff nicht,