3K4
XIII, In Paris
daß er durch die Flucht aus der Heimat in eine „schmählicheGesellschaft" geraten war.
Man täte Heine als Mensch und Dichter Unrecht, wollte manihn mit dem Maßstabe Dantes messen. Wenn es geschieht, so trägter selber die Schuld, er selbst hat häufig sein Pariser Exil mitden Worten dieses größten Verbannten aus Florenz geschildert undhat dadurch den Vergleich herausgefordert. Er fällt zuungunstendes modernen Dichters aus. Dante wurde aus der. Vaterstadtausgestoßen und von seinen Mitbürgern zum Feuertod verurteilt,Heine ging, weil er sich in Deutschland unmöglich gemacht hatteund keine Anstellung fand. Dante lebte in bitterster Armut, Heineverbrachte recht behagliche Tage in Paris, und wenn er den Fußauf fremde Treppen setzen und das bittre Salz fremder Tischeessen mußte, so lag es daran, daß er sich mit seinen bescheidnenRenten nicht einzurichten wußte. Der Florentiner bildete stolz einePartei für sich, als er die Nichtigkeit seiner Schicksalsgenossenerkannte, der Deutsche suchte zwischen den Parteien hindurchzusteuernund bald der einen, bald der andern gerecht zu werden. Heine hatsich gelegentlich in den Mantel des großen Verbannten gehüllt,er paßte ihm nicht besser als der Königsmantel einem Schau-spieler, denn unter der Hülle fehlt das königliche Herz. Dante trugdie Qualen der europäischen Christenheit in sich, Heine nur seineignes kleines Weh. Auch er hat unter der Entfernung von derHeimat gelitten, aber sein Kummer war in erster Linie ästhetisch.Nicht das Schicksal des Vaterlandes bedrückte ihn, sondern ihmfehlte die deutsche Sprache, das Lebenselement des Dichters. Fürdiesen Kummer weiß er ergreifende Worte zu finden: „Glücklichsind die, welche in den Kerkern der Heimat ruhig hinmodern. . .denn diese Kerker sind eine Heimat mit eisernen Stangen, unddeutsche Luft weht hindurch, und der Schlüsselmeister, wenn er nichtganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache! ... Es sind heuteüber sechs Monde, daß kein deutscher Laut an mein Ohr klang,und alles, was ich dichte und trachte, kleidet sich mühsam in aus-ländische Redensarten. . . Ihr habt vielleicht einen Begriff vom