Druckschrift 
Heinrich Heine
Entstehung
Seite
312
Einzelbild herunterladen
 

312

XII. Die Julirevolution

die Mittel, um auf Reisen neue Eindrücke zu sammeln. Heine warein rascher Arbeiter, aber zum Schaffen brauchte er, nachdem dieerste Fülle der Jugend erschöpft war, äußere Anregung, Ab-wechselung und Veränderung des Schauplatzes. Ein Weimar hätteihm nie zur Welt werden können. Reisen oder das Getriebe derGroßstadt waren zur Belebung seiner Phantasie notwendig, erbrauchte schnell vorüberziehende Dekorationen, er brauchte Menschen,die seinen Einfällen folgen und seine Witze verstehen konnten, erbrauchte die Gesellschaft, das Milieu, in dem sich der moderneMensch wohlfühlt. Er ist der Romantiker der Großstadt.

Nichts davon bot ihm die graue, langweilige Handelsstadt an derElbe. Eintönig zogen die Tage dahin. Die Leute hatten ihr Geschäft,verdienten Geld und hatten für den Dichter in ihrer Mitte so wenigVerständnis wie er für sie. Strodtmann verweist treffend auf dasGedicht:Anno 1829", das später in denRomanzen" erschien. Esist bezeichnend für die damalige Stimmung des Dichters:

Daß ich bequem verbluten kann,gebt mir ein edles, weites Feld!

O, laßt mich nicht ersticken hierin dieser engen Krämerwclt!

Sie essen gut, sie trinken gut,erfrenn sich ihres Manlwurfglücks,und ihre Großmut ist so großals wie das Loch der Armenbüchs.

Zigarren tragen sie im Maulund in der Hosentasche die Händ';auch die Verdauungskraft ist gutwer sie nur selbst verdauen könnt'!

Sie handeln mit den Spezereinder ganzen Welt, doch in der Luft,trotz allen Würzen, riecht man stetsden faulen Schellfischseelenduft.

O, daß ich große Laster sah',

Verbrechen, blutig, kolossalnur diese satteiTugend nicht,und zahlungsfähige Moral!