31g XII Die Julirevolution
verschrieen und gab es nicht auch für ihn im Vaterland keineStätte ruhiger Zuflucht? Heine hatte gerade in seinen letztenSchriften betont, daß er als Dichter nichts mit Byron zu tunhabe, daß er weder ein Nachbeter noch Nachfrevler des Eng-länders sei. In seiner Lyrik hatte er sich auch von ihm unabhängiggemacht, aber die Politik trieb ihn wieder in die Arme des groß-britannischen Vetters, diesem höchsten Ideal des romantischen Libe-ralismus. Er wurde zum zweitenmal Heines Führer und Vorbild.
Bei aller Verschiedenheit des Charakters besteht auch eine starkeÄhnlichkeit in dem äußeren Schicksal der beiden Männer. Beidewaren Dichter, beide strebten in die Politik und beiden wurde zumVerhängnis, daß sie nicht Dichter sein wollten, Politiker nicht seinkonnten. Beide suchten sich mehr abzuzwingen, als ihre Begabungzn geben vermochte:
Doch du ranntest unaufhaltsamfrei ins willenlose Netz,so entzweitest du gewaltsamdich mit Sitte und Gesetz.
So klagt Goethe um Byron, die Klage hätte auch Heine geltenkönnen. Das Schicksal des Engländers spielt sich in weiteren Dimen-sionen ab, auf der Bühne eines Weltreiches, nicht in deutschenLiteraturblättern. Er ist auch der größere Charakter, sein Los er-scheint tragischer, aber im Grunde ist die Tragödie beider Dichterdie gleiche. Sie wollten mehr als Dichter sein und gingen daranzugrunde. Das ist das dumpfe Gefühl, das iu jenen düstern Ham-burger Tagen auf Heine lastete. Die Poesie war abgetan und seinepolitischen Versuche waren gescheitert, letzten Endes, weil er einDichter war und als solcher über seine Persönlichkeit nicht hinaus-konnte. So saß er mißmutig und verstimmt in der grauen Elbe-stadt. Die Zeit war nicht angetan, ihn zu erheben. Die bessereZukunft, die er so oft prophezeit, wollte sich nicht zeigen, im Gegen-teil, die Reaktion griff immer weiter um sich und unterwarf ihremdumpfen Druck die Geister. Der Zar Nikolaus brachte demDichter, wenn er wirklich ernstliche Freiheitshoffnungen auf den