298
XI. Der Kampf gegen Platcn
sachlichen Gründe hat Heine später besonders betont, aber man darfsich nicht durch sie bestechen lassen. Sie mögen mitgewirkt, siemögen den Angriff verschärft haben, aber in erster Linie entspranger dem Gefühl der eignen Kränkung. Es war ein persönlicherRacheakt. Heine war rachsüchtig. In dieser Beziehung empfand erganz jüdisch, und er war der Mann, der es verstand, seine Rachekalt zu genießen, er konnte warten, bis zum geeignetsten Augenblick.Die jüdische Abstammung war der wunde Punkt in seinem Leben,die einzige Angriffsfläche, die nach seiner Meinung sein „reinesLeben" dem Gegner bot. Jede Berührung dieser Stelle empörteihn maßlos, da kannte er keine Rücksicht und Schonung. In derStimmung, in der er sich befand, kam es ihm nicht mehr daraufan, Platens Angriff abzuwehren. Er wollte ihn nicht nur be-kämpfen und als Dichter kritisieren, sondern mit einem furcht-baren Streich als Menschen vernichten. Er wollte „einen Kopfauf sein Serail stecken". So schrieb er an Campe, der ihn nachEinsicht des Manuskriptes warnte und zur Mäßigung riet. Heinewollte davon nichts wissen und bestand auf einer Veröffentlichungohne jede Änderung und Milderung.
So kam es zu dem schmutzigen Ausfall der „Bäder von Lucca".Er besteht in der Bezichtigung eines widernatürlichen Lasters under wirkt um so niederschmetternder, als er mit dem raffiniertestenGeschick aufgebaut ist. Heine erhebt den Vorwurf nicht direkt, sonderner bedient sich der beiden Juden Hirsch und Gnmpel. Der Marcheseerscheint als der begeisterte Verehrer und Freund Platens und dieNaivität seines dumm-komischen Dieners enthüllt das Laster, vondem dieser selbst keine Ahnung hat. Es ist also nicht Heines Bos-heit, die auf die Spur der Platenschen Unzucht kommt, sondernein Kindergemüt entdeckt, was der Verstand der Verständigen nichtsah oder sich zu sehen scheute. Dann erst ergreift der Dichter dasWort. Er spottet über den armen Grafen, der mit dem Lorbeer-kranz auf dem Kopf auf der Promenade spazieren ging, er zeigt,daß er mit seinen Rhythmen der Sprache Gewalt antue, daß erüberhaupt kein Dichter, sondern nur ein Techniker des Wortes