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IX. Zwischen Dichtung und Politik
Heine hat mehreren russischen Diplomaten nahegestanden, und unterihrem Einfluß ist er wohl auf die barocke Idee oerfallen, den ZarenNikolaus als den Gonfaloniere der europäischen Freiheit zu pro-klamieren. Koslowsky hat ihn zuerst auf England hingewiesen, dasMutterland des bürgerlichen Liberalismus, und in ihin den Wunscherweckt, diesen Sitz der Freiheit kennen zu lernen.
Der Erfolg der ersten „Reisebilder" hat Heines Schaffenslust,die in dem letzten Hamburger Halbjahr bedenklich nachgelassen hatte,neu angeregt. Er schrieb niehrere Szenen seines „Faust" und eslockte ihn, die Poesie des Meeres bei diesem zweiten Aufenthalt inNorderney wieder aufzunehmen. Er dichtete einen zweiten Zyklus der„Nordsee" (I, 179 ff.) teils noch auf der Insel selber, teils unmittel-bar nach der Rückkehr. Die Form ist die gleiche wie die des ersten,es sind wieder die hymnenartigen Rhythmen, und wieder sind siemit der gleichen Meisterschaft, demselben feinen Ohr für Klang-wirkung und derselben Beherrschung der Sprache verwendet. Wasdie Kunst tun konnte, hat sie getan, und doch sticht dieser zweiteTeil von dem ersten ab wie eben eine absichtliche Wiederholungvon einem ersten genialen Wurf. Dort war das Meer das alleinigeThema und der Dichter war das Sprachrohr des wahlverwandtenElementes. Das Brausen der Wogen wurde ihm zum alleinigenWeltgefühl, als dessen höchste Äußerung seine eigene Liebe sich zumHimmel emporschwang. In den neuen Gedichten dagegen steht derDichter, der kleine Mensch, im Vordergrund, und die See bildetnur die Umrahmung. Der Geist der ersten Hälfte lebt nur in dem„Gewitter" (Nr. 2) und dem „Phönix" (Nr. 8), in den übrigen Ge-dichten hat das Meer nur die Aufgabe, dem Verfasser das geeigneteStichwort für seine persönlichen Nöte zu geben. Das Subjekt drängtsich vor und es erscheint in der übermächtigen Umgebung un-bedeutend und uninteressant. Es ist nicht mehr organisch mit demElement verbunden, sondern eine schneidende Dissonanz. Wer sovon dem kosmischen Weltgefühl durchdrungen war, für den gibt eskein Rätsel des Lebens, und wenn er diese Frage überhaupt aufwirft,kaun er sie nicht mit einem erkältenden Sarkasmus beantworten: