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VI. Die Tragödien
auswerfen heißt sie verneinen. Er selbst klagte zwar über seine Ein-seitigkeit, alle seine Dichtungen seien „nur Variationen desselbenkleinen Themas", aber er lebte doch der Hoffnung, daß es ihmgelingen werde, nach den „verschiedenen Gruppierungen von Amorund Psyche den trojanischen Krieg zu malen". Sicher hätte ereinen branchbaren Roman oder ein bühnengerechtes Drama schreibenkönnen, aber nicht den Roman und nicht das Drama, das ihmvorschwebte. Nicht aus Mangel an Begabung, sondern infolge seinerhistorischen Stellung. Die Romantik hat kein großes Kunstwerkhervorgebracht, und was ihr in der Zeit ihrer Blüte nicht ge-lungen war, konnte sie jetzt, wo sie in den letzten Zügen lag, nochweniger leisten. Der Dichter erkannte ihre Unzulänglichkeit, aberwas ein Fehler dieser Kunstrichtung war, betrachtete er als einenMangel der Kunst selber. Kunst und Romantik sind in seinenAugen identisch. Er sah nicht, daß eine neue Weltanschauung imWerden war, und mit ihr eine neue Kunst, ja daß diese neueKunst in seinen eignen Werken schon die hoffnungsreichsten Knospentrieb. Er war zu sehr Romantiker, um sich voll auf den Bodenzu stellen, aus dem der realistische Roman und das moderne Dramaerwuchsen. Er stand unentschlossen zwischen dem Gewesenen unddem Werdenden, zwischen Vergangenheit und Zukunft, und alsMensch war er nicht stark genug, die einheitlich geschlossene Welt-schauung in sich zu finden, die seine Zeit ihm versagte. Er sah dasmoderne Leben vorüberfluten, aber er hielt es für unmöglich, daßdie damalige Kunst die Formen finden würde, um diese Fülle neuerErscheinungen aufzunehmen. Sie blieb ihm eine „schöne Nebensache".Es ist diese niedrige Einschätzung der Kunst, die es Heine versagte,eine große Dichtung zu schaffen. Er hat den Mangel einer Welt-anschauung gefühlt, er griff begierig nach allem Neuen, was ihmeinen Ersatz zu bieten schien, nach dem Judentum, später nach demSaint-Simonismus und Sozialismus, aber wenn diese Ideen an sichproduktiv waren, so waren sie es nicht in den Händen eines Roman-tikers. Sie vermehrten nur den Widerspruch, in dem er lebte, und ausdieser inneren Zwiespältigkeit konnte kein größeres Kunstwerk hervor-