VI. Die Tragödien
er junge Heine hatte, als er 1819 die Universität bezog, schoneinen beträchtlichen Vorrat an lyrischen Gedichten beisammen.An ein größeres Werk hatte er, der in Hamburg dem literarischenTreiben fernstand, sich noch nicht gewagt, aber bei seinen Fähigkeitenmußte es ihn locken, etwas Bedeutenderes zu schaffen, durch das ersich schneller durchsetzen und zu Ruhm gelangen konnte als durchkleine Lieder. Die Bonner Genossen trugen sich alle mit den ge-waltigsten Plänen. Freund Steinmann arbeitete an einem Drama„Anna von Cleve" in spanischen Trochäen; da durfte unser ehr-geiziger Dichter nicht zurücksteht!, und schon in dem ersten BonnerSemester faßte er den Plan zu einer Tragödie „Almansor". Erwar eifrigst an der Arbeit, jedoch war, als er Bonn verließ, nichtmehr als die beiden ersten Akte niedergeschrieben. Im Beginn der Göt-tinger Studienzeit, also im Herbst 1820, wurde der dritte vollendet,und am 4. Februar des nächsten Jahres, als der Relegierte sichzum Verlassen der Georgia Augusta anschickte, konnte er Steinmannmelden, daß seine Tragödie bis auf eineu halben Akt fertig sei. Esist von Wichtigkeit, daß sie bei seinem Eintreffen in Berlin nochnicht abgeschlossen war und daß Heine an dem Manuskript, ob-gleich größere Bruchstücke davon schon im November 1821 im „Ge-sellschafter" veröffentlicht wurden, vermutlich bis zur Drucklegung,die erst 1823 erfolgte, gefeilt und verbessert hat. Vor allem wurdedie Einteilung in Akte und Szenen getilgt, die in Göttingen nochbeibehalten war.
Heine hatte bis dahin kein besonderes Interesse für das Theatergezeigt. Er hat es in Hamburg sicher gelegentlich besucht, aber ohneeinen starken Eindruck davonzutragen, geschweige das Gefühl, daßer selbst zum Dramatiker berufen sei. Seine Stücke sind nicht durchdie unmittelbare Berührung mit der Bühne erzeugt, sondern litera-rische Produktionen, die allenfalls aufgeführt werden können, zunächstaber gelesen werden sollen. Sie sind wie die gesamte deutsche Dra-
g*