^22 V. Erste Dichtungen
Ein Fichtenbaum steht einsamim Norden ans kahler Höh'.
Ihn schläfert; mit weißer Deckeumhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träunit von einer Palme,die fern im Morgenlandeinsam und schweigend trauertauf brennender Felsenwand.
Hier ist kein Wort zu viel, keines zu wenig. Zwei Bilder werdenmit wenigen Strichen gezeichnet, aber so anschaulich, daß sie dieStimmung voll zum Ausdruck bringen. Nur das Sinnliche wirdausgesprochen, das Geistige muß man erraten. Das Erwachen derLiebe, das Bangen der Erwartung, das Zagen der Hoffnung, dieFurcht vor dem Verlust, das Spiel und das Glück der Genießen-den hat der Dichter mit vollendeter Kunst dargestellt, bis seine Liebedie höchste Steigerung und den stärksten Ausdruck in dem klang-vollen Vierzeiler erlangt:
Ich Hab' dich geliebet und liebe dich noch!
Und fiele die Welt zusammen,aus ihren Trümmern stiegen dochhervor meiner Liebe Flammen.
Aber seine Neigung darf keinen guten Ausgang haben. EinRomantiker und Vetter Byrons hat die Verpflichtung, unglücklich.zu sein, und Heine besitzt nicht den Mut, sich ihr zu entziehen.
Die alte Liebe erscheinet,sie stieg aus dem Totenreich;sie setzt sich zu mir und weinetund macht das Herz mir weich.
Und mit der alten Liebe erscheinen auch die alten Motive aus den„Jungen Leiden". Es wird wieder geträumt, natürlich nur vonTod und Tränen, es riecht wieder nach Leichenduft, die Geliebtewird wieder zur Schlange und hat den armen Liebhaber vergiftet.Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Gedichte, die das Unglückder Liebe schildern, zumeist weit hinter denen glücklicher Stimmungrider banger Erwartung zurückstehen. Sie enthalten entweder Tri-