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darf, ohne Furcht eines Tadels. Sie ist, oder vielmehr war, das'/Venedig der Alpen", wie Venedig mit gleichem Recht das ,/Bernder Lagunen" genannt werden konnte. Indessen ist sie itzt, alsHauptort einer Demokratie, und Wohnsitz der bei der Eidsgenossen-schaft beglaubigten Gesandten fremder Machte, regsamer, gewerbi-ger und (mit 22,760 Einwohnern) bevölkerter, als sie jemals inden Zeiten der Aristokratie gewesen war.
Statt also Vielgeschildertes wieder zu schildern, mag mir erlaubtseyn, ihre fünfhundertjährige nicht uninteressante Lebensgeschichteetwa in hundert Zeilen zusammenzudrängen.
Man denke sich ins zwölfte oder dreizehnte Jahrhundert, in diefinstern Tage des Faustrechts, zurück. Felsenburgen und Kirchenragten herrschend im Lande über die Hütten und Höfe der Leibeignenund wehrlosen Freien hinaus. Ritter, Grafen und Herzoge lebtenund glänzten vom Raube, welchen einer vom andern durch seingesegnetes Schwert gewann. Die Herzoge von Zähringen, Reichs-statthalter im allemanuischon und blirgnndi'schen Helvetien, kaumim Stande, das Land bei ewigen Fehden gegen die Freigrafen undden räuberischen Adel von Hochburgund und deren Anhang in Hel-vetien zu schirmen, befestigten Städte, legten neue Volksburgenan. So auch Bern. Auf der langen, schmalen Erdzunge, welche derAarstrom umfließt, konnte es leicht durch Mauer und Graben gegendie offne Landseite gedeckt werden. So erhob sich die Stadt (N9l)mit hölzernen Häusern auf ungepflafterten Straßen und den Schutz-wehren. Ritter und Edle aus der Umgegend beftritten die Bau-kosten. Hieher brachten Landleute und Handwerker das Ihrige inSicherheit, und Alles trug Waffen. Der benachbarte Adel fühltebald den Werth dieser Kriegergemeinde und verbürgerte sich in ihr.Das vermehrte in ihr Leben, Wohlstand und Stärke, obgleich ihrGut, anfangs außer den Thoren, nur in einer Weide und zweenForsten bestand.
- Kaum dreißig Jahre nach ihrer Erbauung gab ihr der KaiserReichsfreiheit. Schultheiß und Rath führten die Verwaltung; überFrieden und Krieg, neue Auflagen und Gesetze entschied die ver-sammelte Gemeinde aller Bürger. An die Spitze der Kriegs- undFriedensgeschäste setzte man die Tapfersten oder Weisesten, aufDauer einiger Jahre. So erblühte der kleine Freistaat schnell, dersich in den Fehden der Nachbarschaft bald durch Muth und Glückseiner Wehrmänner Namen machte. Kaum ein Jahrhundert alt ge-worden, hatte er sein Gebiet um die Stadt schon, einige Stundenweit, in einer rauhen, waldigen Gegend, ausgedehnt und den