9S
Volk der Klosterumgebung, welches nur von Wallfahrern und vomBetteln gelebt hatte, keinen Gewerbfleiß kannte und 'liebte, iqtiöffter Noth schmachtete, geschah ein neues Wunder. ^Pfarrerund Municipalität des Fleckens Einsiedeln nämlich baten den Be?vollmächtigten der helvetischen Negierung im Jahre 1799, 'AmErlaubniß, einen Altar mit dem ächten Muttergottesbilde und dieWallfahrten herzustellen, damit nicht des Elends willen, das Volkauswandern müsse. Der Negierungs-Commissair, als Protestantder heiligen Dinge unkundig, erinnerte daran, daß die Mutter-gottes, schon in Paris und im Tyrol sey. Aber man führte ihnin eine Art Sqcristei, wo in einem hölzernen Kasten beinah einDutzend schwarzgebeizter Madonnen, alle schön gekleidet, alle voneinerlei Model> in der Reihe nebeneinander lagen. Sie hattendazu gedient, daß die Wunderthätige an verschiedenen Festtagenin verschiedenem Gewände aufgestellt werden konnte. — So wardder Altar denn erbaut auf der Stätte der heiligen Capelle, undnach wenigen Monden hatten die unterbrochnen Wallfahrten wiedepfrischen Zug. Später stellte das Kloster auch die Marmorkapellewieder her.
Gegenwärtig besteht die Abtei zwar nicht mehr in altreichs-furstlichem Prunke, mit Erbhofämtern und hohen und niedern Ge-richtsbarkeiten, aber noch, als das reichste Kloster Helvetiens,gefeiert von der abergläubigen Ehrfurcht Schwabens, des Elsasses,Tyrols und der bildungslosern Gegenden in der katholischen Schweiz.— Außer dieser Abtei hat jedoch der kleine Freistaat Schwytz,mit seiner gottesfürchtigen Bevölkerung von 38,000 Menschen,noch fünf Klöster und dreißig Pfarreien, ungerechnet die Menge derKapellen.
6.
Die Kapelle bn Morgartcn.
Rohe Sterbliche, mit noch dunkler Vernunft, haben gleichder vernunftlosen Bestie, nur Ehrfurcht vor überlegner körperli-cher Stärke, nicht vor der Heiligkeit des Rechts. So hat jederMensch, wie jedes Volk, im Leben ein Zeitalter des Faustrechts;und jedes Volk wie jeder Mensch. Man nennt diese Stufe derGesittung bei den Nationen den Stand der Barbarei. In