84
Jenes schwimmende Spreukorn auf dem Wasser? Es ist ein durchden See ruderndes Schiff. Jener Maulwurfshügel, jene zusam-mengescharrten Schutthaufen in der Tiefe drunten ? Es sind Dörferund Städte, von kleinen Wesen bewohnt, die wir mit bloßenAugen unmöglich erkennen mögen, die sich aber Herrn der Schöp-fung heißen; die sich mit Eitelkeiten brüsten, mit Leidenschaftenverfolgen, mit ihren riesenhaftscheinenden Plänen und zerstörtenHoffnungen, vom ersten zum lezten Odemzug, quälen. Die armenAmeisen! In der That, ihre Kunst ist bewundernswürdig, mitder sie sich zwischen Holzsplittern und kleinen Steinen anniften;einige Sandkörner anhäufen, welche ihnen Denkmale des Ruhmsfür Jahrtausende dünken, und sogar von einem Ufer des Gewäs-sers zum andern, in einer Hülfe, überzuschwimmen wagen. Aberbedaueryswürdig ist die Bosheit, mit der sich diese Milben einanderzu vernichten und zu zertreten suchen, wie kein anders Thierge-schlecht gegen Geschöpfe seiner eignen Gattung zu thun pflegt. —Ach, und wir selber auf der Berghöhe, nur der Natur, unddarum schon, aus der Endlichkeit, dem Unendlichen und Göttli-chen näher getreten — auch wir gehören jenem Milben-Geschlechtan. Welch ein Nichts ist unsere Persönlichkeit! Aber wie göttlichgroß das Licht Gottes in uns, der Geist dessen Strahl das Weltall,die Geheimnisse der Natur durchleuchtet, ins Ewige dringt! Auchim Thautropfen des Halms zwar spiegeln sich des Himmels MillionenSonnen; aber der Thautropfen begreift sie nicht; sie sind ihmdunkel, wie er sich selbst.
Man hat schon die Pracht der Nigi-Aussichten so oft, undin so mannigfacherweise geschildert, daß mir nichts überflüßigerscheint, als das Vielbeschriebene wieder zu beschreiben. Ohnehingiebt es nichts langweiligeres, als Landschaftbilder mit Buchstabengemalt. Eben so wenig mögt' ich aber auch die Merkwürdigkeitendes Berges, seine Höhlen, seine Abgründe, oder seinen Pflanzen-reichthum oder die Darstellung seiner Kalkstein- und Nagelflue-lager der Reihe nach aufführen. Lieber will ich von dem erzählen,was in diesen reizenden und wilden Hohen jeden Wandrer baldmit Entsetzen, bald mit Entzücken anspricht; ihn, durch sein Eigen-thümliches, wie in eine fremde Welt versezt; was Sterbliche inThälern und Ebnen nie erfahren. Es ist dies die geheimnißvolleHaushaltung der Wolken; es sind dies die Zaubereien des Lichtsund der Farben; es sind dies die wunderbaren Tändeleien derNatur in höhern Gegenden des Luftreichs. Dem Schiffer ist dieRichtung des Windes auf dem Meer, welches er durchsegelt, kaum