Bei solchen Erscheinungen mochte es nicht wertlos sein, denVersuch zu machen, ob und in welchem Umfang sich an einem alten,wohlbekannten, durch Quellenschriften sattsam belegten FürstenstammDauereigenschaften erkennen und ergreifen ließen. Das Welfen-geschlecht zählt zu den ersten und bedeutendsten Fürstenhäusern Deutsch-lands, ja der Welt. Und neben dem schweren Wehe, welches es zuZeiten, auch selbst zwiespältig, dem alten Reiche bereitet hat oder bereitenwollte, hat es sich hohe Verdienste um dasselbe erworben. Gedenkenwir nur der Reformationszeit. Die leichtlebige und urteilssichereMenge unserer Zeit hat dies scheinbar vergessen, wie sie nicht gedenktdes in Jahrhunderten erprobten engen Zusammengehens und derVerbindungen seiner Glieder mit dem Hause Habsburg in Kriegs-nöten und Verwandtschaftsketten. Sie hat gehört von Heinrichs desLöwen „Abfall" von Friedrich Barbarossa in dessen italienischen Nöten;sie kennt den unseligen Entschluß des starren letzten Königs vomLüneburger Zweige, Georgs V., der nun der Einigung Deutschlandszum Reiche hin zupaß kam; sie hat vielleicht gelesen von König ErnstAugust (f 1851) und seiner Eigenart, aus dessen späterem Lebenuns Leopold v. Gerlach merkwürdige Züge aufbewahrt hat, und dasgenügt zu einem Urteil.
Die Suche nach den wiederkehrenden charakteristischen Eigenschaftenund Zügen der Welfenart in ihren einzelnen Gliedern ist bei demzeitlichen Umfang des Geschlechts, der reichen Entwickelung und denTeilungen des Hauses eine nicht leichte und langwierige. Der Pfaddes Suchenden führt oft seitwärts zu den Nachbarn, um auf solchenUmwegen Einzelzüge und weitere Spuren ihrer Lebensthätigkeit zufinden, welche dem Zwecke dienen möchten. Und das sind häufigIrrwege, wenn schon die ans sie verwendete Zeit nie eine verschwendetewar. Die Findlinge mögen hie und da auch fiktiven Wert haben,wie häufig die Phantasie die willige und gehorsame Tochter desWunsches ist. Es würde der Gedanke aber eine große Befriedigungbieten, wenn durch diesen Verfolg der Eigenschaften der Weifensprossenauch ein kleiner Hinweis auf die Beherzigung der Thatsache geliefertwürde, daß das Interesse an dem Inhalte der Geschichte viel mehrin den Persönlichkeiten wurzelt, und die Darstellung der Ereignissedurch die Frontstellung der waltenden Persönlichkeiten kräftigere Bilderund faßbarere Eindrücke beut, als dies die scheinbar vornehmere all-