Wesen war ihm wohl zum Bedürfniß geworden. In allen seinen Ehenhatte er glücklich gelebt und in ihnen wobl die Erfahrung gemacht,daß es in der That Stimmungen des Gemüths giebt, die nur Anklangfinden bei einem verwandten, weiblichen Wesen. Er hatte ferner dasBewußtsein, daß es in kranken Tagen Hilfsleistungen und Er-leichterungen giebt, die kein Diener, die kein Freund, die nur diesanfte Hand einer liebreichen Ehefrau zu leisten und zu geben vermag.Aus diesen Gründen ist man berechtigt, die Schließung seiner 6. Ehemilder, als es seine Gegner gethan haben, zu beurtheilen. Auchauf ihn paßt das Wort des Dichters' „Ihn ganz verstehen, heißt,ihm ganz verzeihen."
Obgleich 72 Jahre alt, vermählte er sich nach dem Tode seinerfünften Gattin bereits nach Verlauf von 6 Monaten") am 2. Sep-tember 1684 mit Dorothea Elisabeth, jugendlichen Tochter desProfessors Johann Andreas Oueustcdt."*)
„Lerwx coiisuluris", schreibt damals ein Zeitgenosse""") anSpener: „über 70 Jahre, prostituirt sich nun so stark intim und extra„eeclesiarn. Was hilft doch alle Wissenschaft, wenn wir unsere„Affekte nicht regieren können! Er soll so matt sein, daß er kaum„5 Schritte gehen kann sine Iassitnclino."ff)
Nur ein Jahr und fünf Monate erfreute er sich des Genussesdieser Verbindung; er starb am 28. Februar 1686 als Senior undDekan der theologischen Fakultät und als General-Superintendent deskursächsischen Kreises im 74. Jahre seines thätigen Lebens und wurde
") Kaum 4 Monate, sagt Tholuck. Diese Angabc ist irrthümlich. VictsKirchenbuch Wittenberg.
„Johanna Dorothea, die Hochedle, viel Ehr- und Tugendbelobte Jungfer,des Johann Andrei Qucnstedt:c. ehelcibliche Tochter, ist nach dreimaligem Auf-gebot von Herrn Mag. Johann Härtungen mit dem General-SuperintendentenAbraham Calow ani 2. September 1684 in seinem Hause getraut worden."Kirchenbuch.
««») Der Zeitgenosse ist kein anderer als der jüngere Calixtus." „Tholuck,Akademisches Leben des 17. Jahrhunderts" II. Seite 144.
f) Diese Angabe des Calixtus ist nicht ganz der Wahrheit gemäß.Nach den Familiennachrichten litt Abraham in seinen letzten Lebensjahren an derGicht, ist aber bis zu seinem Tode in voller körperlicher und geistiger Festigkeitverblieben.