Karl Preuskers Erinnerungen. 2s
stimmt, welche jedoch wie schon früher ähnliche keinen Bestand hatte.Mancher weit ältere Handlungsgehilfe verschmähte es nicht, sich zuweilengewünschte Auskunft im Fache der Bücherkunde von mir zu erbitten.Nicht minder ward die für den Buchhändler ebenfalls so unentbehrlicheEncyklopädie aller Wissenschaften und Künste nebst der systematischen Lite-raturkunde, und besonders die deutsche Literaturgeschichte fleißig studirt.Wie eifrig würde ich erst die 50 Jahre später errichtete Fortbildungs-schule für Buchhändlerlehrlinge benützt haben, wenn eine solche schon da-mals bestanden hätte, wo alle jene Erfordernisse dem Privatfleiße über-lassen blieben. Des näheren Umgangs mit, ihrem Studium fleißigobliegenden, ineist Gberlausitzer Studenten, sowie mit gebildeten Buch-handlungs-Lehrlingen ward schon gedacht; allein auch Tommis hieltenmich, obschon ich noch nicht losgesprochen, des traulichen Umgangs werth.Uebrigens möge man nicht wähnen, daß ich wegen meines sittlicheil Be-strebens und steten Fortbildungseifers ein Kopfhänger oder Stubenhockergewesen sei; ich kleidete mich, soweit des Vaters Zuschuß und die vonmehreren Tommittenten für das Ausliefern ihres Verlags zuweilen erlangtenMeß-Douceurs es erlaubten, gern nach der Mode, nahm auch an fröh-lichen Partien und an Tanzstunden theil, wogegen das begonnene, damalsbei jungen Leuten beliebte Flötenblasen der Brust wegen unterlassenwerden mußte.
„Unerwartet bot sich mir Gelegenheit mein Gesellenstück, wie ich esgern nannte, auszuführen. Zur Zeit der Erfurter Fürstenversammlungim Herbste tsos ward mein Principal wegen des Verkaufs eines ver-botenen Buches, wovon ihm einige Exemplare anonym zugesandt worden,von einem französischen Gensdarmerie-Gffizier arretirt; es betraf die vomKapellmeister Ncichhardt nach Materialien des bekannten Grasen vonSchlabrendorf in Paris bearbeitete Schrift: „Napoleon Bonaparte unddas französische Volk unter ihm!" Da nun der Buchhändler Palm inErlangen wegen Verlags eines gleichen, Napoleon schmähenden Bucheserschossen und manche ähnliche Verfolgungen wegen solcher verbotenenSchriften bekannt worden waren, so stand die Sache sehr ernst und diemeist sich nicht reinfühlende und daher ebenfalls vom Schreck ergriffeneLeipziger Buchhändlerschaft war deshalb in größter Sorge. Ein Leih-bibliothekar in der Nähe von Erfurt hatte das Buch von Köhler bezogenund die Keckheit gehabt, es gerade zu jener Zeit zum Lesen auszugeben,wodurch es den französischen Behörden in die Hände gefallen war. DerPrincipal ward auf vielseitige Verwendung zwar nach einer Woche ausder strengen Haft auf Stadturlaub entlassen und hatte später nur einemonatliche Gefängnißstrafe abzubüßen, verfiel aber in Folge des Schreckesund der Sorge in eine mehrere Monate dauernde, ihn an Stube undBett fesselnde Krankheit. Da ich während dieser Zeit die gesammtenGeschäfte der Handlung, nur von einem treuen Markthelfer unterstützt,mit größtem Eifer und mit Treue zu des Prinzipals völliger Zufrieden-heit besorgt hatte, ward ich in Anerkennung dessen von jenem schon zuNeujahr tsoy, also nach einer nur Zahr dauernden Lehrzeit unge-ahnt freigesprochen, wonach ich noch bis Michaelis t«o9 als Gehülfe inder Handlung verblieb."