117
Die Kriegsgeschichte aller Zeiten hat für heranwachsende Knaben einen unendlichen Reiz; eineErbschaft aller deutschen Stämme aus der kriegerischen Vergangenheit unseres Volkes, wenn diese auchnicht immer glückliche Resultate dein einst zerrissenen vaterlande brachte. Wie viel deutsches Blut, wieviel deutscher Heldenmut ist auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen vergeudet für die Interessen andrerVölker. Ein Kapital, das anscheinend verloren, aber doch der Zukunft Nutzen bringt, wenn aus derNeigung der Väter heraus sich die militärischen Tugenden und kriegerischen Anlagen in unserm Volkeerhalten. Sind aber die Erzählungen kriegerischer Ereignisse gar gruppiert um einzelne Personen derVerwandtschaft, so erhöht sich das Interesse an ihnen und die Personen werden Vorbilder. So sind auchdiese lebhaften, oft gehörten Erzählungen der Großmutter nicht ohne Einfluß gewesen auf die Wahlmeines Lebensberufes. Wenn das Verhältnis zu den Großeltern noch näher und inniger sich gestaltenkonnte, so war es durch die Entscheidung, mit dem Besuche des Lyceums in Hannover, der Ausnahme indas großelterliche Haus für uns Söhne. Klein Vater hatte nur die Befürchtung einer zu großenVerwöhnung für uns. Ein Beweis der Frische aber der Großeltern war, daß sie alle Bedenken zuzerstreuen wußten und erst mich, dann schließlich alle vier Söhne bei sich aufnahmen.
In diesem behaglichen heiin mögen wir wohl verwöhnt worden sein durch ihre Liebe und Güte,daneben aber wurde uns eine mustergültige Aufsicht zuteil in unfern Arbeiten, unfern Sitten und Manieren,so daß ich diese Jahre nicht nur als sehr glückliche für uns bezeichnen muß, sondern auch in Erziehungund Entwicklung des Charakters und der Verkehrsformen sehr einflußreiche. Dabei war der Großvaterachtzig und die Großmutter siebzig Jahr, jedenfalls ein Beweis, welche Frische sie sich erhalten hattenund wie sie hervortraten unter ihren Zeitgenossen.
Außerdem hatte der Ausenthalt in ihrem Hause andere große Vorzüge. Die große StadtHannover mit ihren neuen Eindrücken, Sehenswürdigkeiten, dem lebhaften Verkehr nahm den Landkinderndie Scheu, sich in größern Kreisen zu bewegen. Der ausgesuchte Verkehr des großelterlichen Hauses schufBekanntschaften, zwang zur Betätigung guter Formen und stärkte den Familiensinn. Verkehrten dochbei ihnen alle noch lebenden Geschwister des Großvaters, diese feinen alten Leute mit ihrem langen Lebenund ihren reichen Erfahrungen, ihre Nachkommen und die weiten Verzweigungen der Kestner und derenBeziehungen; war doch dieses Haus so recht ein Mittelpunkt für die ganze Familie Kestner, ihrenverwandtschaftlichen und befreundeten Anhang. So muß ich diese Jahre zu den glücklichsten zählenmeines Lebens bis zun: Augenblicke, wo die Scheidestunde schlug. Mir schlug sie mit dem Eintritt inden Dienst, mit dem Ausmarsch in den deutsch-französischen Krieg. Als ich die letzte Nacht im groß-elterlichen Hause zugebracht hatte und Abschied nahm, ahnte ich nicht, daß ich diese teuern Lieben nichtwiedersehn sollte, denn sie waren frisch und täuschten durch ihre Rüstigkeit über ihre hohen Jahre. Mit
Feldzug in Brandenburg und Sachsen 1813 gegen die Verbündeten. Gefechte! 25. Mai bei Großenhain,27. Illai bei Hoyerswerda, 4. Juni bei Sückau, 16. und 17. August bei Zcsch (Baruth), 19. August bei Jachzeubrück,22. August bei Gr. Schulzendorf, 23. August Schlacht bei Großbcereu, 2. September Gefecht am (Dsnitzbach. Bei der ver.teidiguug der Furten wird Sippert besonders genannt. 5. September bei Zahna, 6. September Schlacht bei Jennewitz,9. September Gefecht bei Zwethan, 27. und 29. September bei Wartenburg, 3. Gktober Schlacht bei Ivartcnburg. Nachschweren Verlusten ging die Division Beaumont, bei der die Garde-Ehcvanlegers standen, zurück. Gin au der (lZueuemarschierendes westfälisches Reiterregiment wich dem Angriff preußischer schwarzer Husaren aus und nur der Geistesgegen-wart des Leutnants Sixpert, der ohne Rücksicht auf die fliehenden Westfalen sich den Husaren mit jeineni Zuge entgegcnwars,war es zu danken, daß sein tapferes Regiment nicht allein Zeit gewann zur Entwicklung, sondern auch die Feinde zurückwarf und den Rückzug der Division gelingen ließ. 18. Vktober Schlacht bei Leipzig. Die französische Armee trat denRückzug au zum Rhein. Hessen trat znrück vom Rheinbünde und so konnte endlich das nur noch ISO Pferde starke Regimentim Jahre 1814 auf deutscher Seite gegen Frankreich kämpfen. Lippert machte mit die Zernicrung von Mainz, 18. Januarbis 29. März 1814. Nach Rückkehr in die Garnison erfolgte am 14. April 1814 seine Ernennung zum prcmierlieutcnant.Die Strapazen der Feldzüge müssen sich bald sehr bemerkbar gemacht haben.
Am 16. März 1817 findet sich ein Bericht über den Gesundheitszustand des Prcmierlieutenants Lippert (Gicht ausdem russischen Fcldzug). Ihm folgte ein Badcurlaub nach Wiesbaden und dann meldet das Sterbcregister der evangelischenMilitärgemeinde zu Darmstadt: Am 28. Juni 1818 mittags um 12 Uhr starb zu Bessungcn Herr Johann Lippcrt, Ober-leutnant im Großherzogl. Gardc-Ehevanlcgcrs-Rcgiment aus Frankfurt gebürtig, alt 36 Jahre, wurde den 36. desselbenmit den militärischen Ehren beerdigt. Dies die kurze aber inhaltsreiche Dicnstcslausbahn eines deutschen Reiterofsizicrs.