Druckschrift 
3 (1907)
Entstehung
Seite
116
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regelmäßig zu langem Aufenthalte in unser Elternhaus. Wie verstanden es diese herrlichen alten Leute,mit uns Kindern zu lebeu und zu verkehren. Der rüstige Großvater führte uns auf Spaziergängen, dieGroßmutter hatte stets Zeit für uns im Hause, und ihr Talent zu erzählen verschönte besonders dieZeit ihres Aufenthalts. Als Augenzeugin der kriegerischen Zeiten Napoleons hatte sie in der VaterstadtFrankfurt ja Heerführer und Truppen aller Nkächte gesehen. Franzosen, Russen, Hessen und Preußen.Alit jugendlichem Feuer schilderte sie die Leiden der Stadt und mancherlei Züge von verfolgten Franzosenund gutmütigen Kosaken mußte sie immer und immer wieder erzählen. Stand doch die Familie Lippert,das eigene Vaterhaus durch zwei Söhne mit ihren Interessen inmitten der Ereignisse.

Der älteste Sohn, Georg Lippert, war in französische Dienste gegangen, lange und ruhmreicheKämpfe hatte er mitgemacht im französischen Heere und war ein glühender Verehrer seines Kaisers. Alskaiserlicher Kapitän erlag er den Strapazen seiner Feldzüge am 31. Juli 1816, nachdem auch der Sternseines Helden gesunken war.

Der jüngere Bruder, Johann, diente als Oberleutnant im hessischen Regiment Garde-Thevaulegerszu Bessungen. Deutsch in seiner Gesinnung, mußte auch er dem Gebote seines Landesherrn folgen underst in Rußland und Sachsen auf französischer Seite kämpfen. Bei der Passion und der leidenschaftlichenNeigung für ihre Fahnen war das Verhältnis der Brüder getrübt.

So trafen sie sich vorübergehend im Elternhause und schieden unversöhnt, bis auch den Jüngernam 29. Juni 1818 ein früher Tod dahinraffte. Hatte er mit Auszeichnung alle Affären in Rußlandmitgemacht, hatte er, einer der wenigen Überlebenden seines Regiments, den Heldentag von Studienka ander Beresina mit durchfochten, wird sein Name bei Jennewitz, Großbeeren und Leipzig in der Geschichteseines Regiments oft und mit Auszeichnung genannt, so war doch ihn: ein besseres Los beschieden alsdem Bruder. Noch konnte er auf deutscher Seite 1814 zwar gegen alte bewährte Kampfgenossen, aberfür des Vaterlandes Rettung streiten. So sank der eine ins Grab und nahm zerstörte Hoffnungen mit,der andere schied mit den: Blick auf endlichen Sieg der vaterländischen Sache.

"h Geschichte des 1. Großherzogl. Lessischen Dragoner-Regiments (Garde-Dragoncr-Rcgimcnts) Nr. 23. SieheUniformen Knötel VI. 55, VIII. 13.

") Seine Personalien: Johann Berthold Lippert, geboren 31. März 1782 zu Frankfurt am Main, trat am14. Mai 1810 als Korporal in das Großherzogl. Hess. Regiment „Garde-Thevaulegers" zu Bessungen bei Darmstadt. Am22. Januar 1812 berichtet der Prinz Emil von Hessen, Regimentskommandeur, daß der Korporal Lippert zum (Offiziergeeignet und würdig sei. Ernennung zum Seconde-Lieutenant 27. Januar 1812. Abmarsch des Regiments zum Feldzugenach Rußland 18. Februar. 1. März in und bei Ivolfenbüttcl, 8. März die Elbe passiert bei Dömitz, an? 13. in Rostock,am 22. ii? Stettin. Über Eöslin, Schlawe ain 27. Juni in Maricnburg, dann über Llbing, Braunsberg, Kölligsberg nachTilsit, 14. August. Am 3V. August ging die leichte Kavallerie-Division des Generals Fournier, bei welcher das Regimentstand, längs dem rechton Ufer des Nicmen über Wilna, Minsk nach Smolensk, 23. September.

Feldzug gegen Rußland. Gefecht bei Tschaschniki a. d. Ula 29. (Oktober 1812, am 6. und 7. November beiLukomlja. Hier zeichnete sich das Regiment Garde-Ehcvanlegers besonders aus und vor allen die 2. Schwadron, bei welcherLippert stand. Am 14. November Gefecht bei Smoliany, an? 23. und 24. November bei Staroszisca, am 24. Novemberbei Doknirza und am 28. November bei Studienka an der Bcrezina. Der Tag von Studienka bedeutet in der Geschichtedes Regiments einen hohen Ruhinestag. Zur Arrieregarde gehörend, die bestimmt war, den Übergang über die Bcrezinazu decken, schlugen sich einen ganzen Tag 4000 Mann gegen 30 000 Feinde. Der geschicktesten Anführung und der ganzaußerordentlichen Tapferkeit der Truppen gelang es, zun? ewigen Ruhm des Korps, diese Aufgabe zu lösen. Als aber amAbend auch die Arrieregarde den Rückzug über die Berczina antreten wollte, fanden nur Trümmer sich zusammen.

Das Regiment „Garde-Thevaulegers" hatte nur noch 25 — 30 kampffähige Reiter. Der Leutnant Lippert, vonFlaiikenpatrouille zurückkehrend, fand die Brücken besetzt, verstopft durch Flüchtende und Material. Er stürzte sich mit 12seiner Reiter ohne Besinnen in die Fluten der Berezina (das dein Buche beigegebcne Bild des Bereziuallbergangcs habeich unter andern ausgewählt, weil man auf der vorderen Brücke zwei hessische Reiter sieht in ihren weißen Mänteln undmit den charakteristischen Helmen, Kasquet ohne Roßschweif mit Raupe) und entkam, wie der Bericht sagt, mit Pferd undZeug der Gefangenschaft, indem er sich durch Eisschollen und Trümmer aller Art eine Bahn brach. Ende Januar 1813 oderAnfang Februar des Jahres trafen die Trümmer des braven Regiments in Darmstadt ein. Lippert erhielt am 13. Februar1813 einen Urlaub von 14 Tagen zum Besuche der Eltern in Frankfurt.

Schon an? 17. Februar 1813 erfolgte der Befehl, das Regiment in kürzester Frist so wieder aufzustellen, wie esim Februar 1812 ausmarschiert war. Am 23. April marschierte eil? Teil des Regiments von Darmstadt ab zur Armee desKaisers Napoleon nach Dresden.