Druckschrift 
3 (1907)
Entstehung
Seite
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Kur nach Nenndorf bei Hannover. Dieses bekannte Bad, das viele Jahre meinem Großvater in Gifhornregelmäßig zur Rur gedient hatte, sollte nur Heilung bringen von den erwähnten rheumatischen Beschwer-den, die, ohne Frage eine Errungenschaft des Krieges 1870/71, schon oft sich gemeldet hatten, im östlichenKlima aber sehr gesteigert waren. Auch hatte ich die Bemerkung gemacht, daß mein Gehör, wohl ohneFrage eine Folge fortgesetzter Katarrhe, an denen die Küste so reich und die mich schon in Stade so häufigbelästigten, anfing, sich zu verschlechtern, von Nenndorf aus konnte ich in Hannover einen bekanntenrenommierten Ohrenarzt konsultieren und seine Kunst ausnutzen. Beide, Bad und Arzt, haben mir nichtviel genützt. Im Gegenteil sind diese Leiden doch bald die Ursache geworden, daß ich der Front Lebewohlsagen mußte, um so mehr, da der Arzt mir mit dein Scheiden aus der Front ein Aufhalten des Ohren-leidens wohl glaubte versprechen zu dürfen, keine völlige Heilung, denn da hätte früher etwas geschehenmüssen. Am 9. August fand die Regimentsvorstellung wieder bei Kreckow statt. Am 10., 11., 12. diegroßen Schießübungen bei Hohenfelde. Während dieser Tage lag ich in plöwen, demselben kleinen Orte,in welchem ich beim Kaiser-Manöver 1395 die letzte Nacht zubrachte, bevor ich mit III./75 von Löcknitznach Stade fuhr.

Die Herbstübungen und das Brigade-Exerzieren unter General Windt, eine mir sehr angenehmeErinnerung, führten uns nach Schneidemühl, wo das 149. Regiment sdas Schwesterregiment) lag, nachDeutsch-Erone, Märkisch Friedland und schließlich zuni Korps-Manöver nach Dramburg. Gelegentlichdieser Übungen sah ich wieder einen Teil des Vaterlandes polnisch-deutscher Mischung, der sehr abstachvon unserm blühenden Westen. Schneidemühl, ein elendes Städtchen, mit seinein großen, den fernstenOsten und den weiten Westen /Petersburg-Madrid) verbindenden Bahnhofe, hatte sich bekannt gemachtdurch das Brunnenunglück im Jahre 1893. Brunnenbohrungen hatten derartig gewaltige Quellen undStrudel mit elementarer Gewalt hervorgerufen, daß Häuser und Straßenteile im Schlamm versanken.Von diesen die Beteiligten allerdings sehr unangenehm treffenden Unheil und Knglücksplätzen sah manviele Abbildungen. Meine Tochter sammelte Ansichtskarten. Als ich aber in Schneidemühl eineAbbildung des Hauses verlangte am Markte neben deinGoldenen Löwen," in welchem einst Königin Luiseauf ihrer Flucht nach Greußen acht Tage verweilte, hatten die guten Schneidemühler diese nicht nur nicht, ichglaube, sie ahnten kaum diese noch stehende historische Merkwürdigkeit ihrer Stadt. Ich bin Veranlassung,daß nun, neben den Brunnenunglücksbildern, auch das alte Haus sich auf einer Ansichtskarte wieder fand.Auf mancherlei Gütern, alten Starosteicn, meinen Quartieren, sah ich viele Reste alter polnischer Herrlich-keit, die mit dem Fortschreiten der deutschen Kultur dahinsanken, dem Volke Freiheit brachten, den Besitzder polnischen Großen aber verringerten.

Leider hatte dieses Manöver die schon erschütterte Gesundheit unseres Regiments-Kommandeursganz untergraben. Den Winter hindurch tat er noch seinen Dienst. Im Frühjahr 1900 schied der vortreffliche Mann mit dem Eharakter als General aus dem Dienst, behielt aber in Stettin seinen Wohnsitz.Sein Nachfolger wurde ein Oberst von Kurnatowski.^) Ein gut aussehender Offizier, nicht unbefähigt,aber mit den Nerven ganz kaput, hatte Kurnatowski schon als Oberstleutnant sich allerlei Erholungengönnen müssen. Seine Ernennung war für das Regiment kein Gewinn, obgleich er vom besten Willenbeseelt war, auch anständig und vornehm dachte.

Der Winter 1899/1900 war sehr hart. Lange andauernde Kälte, hoher Schnee und die eisigenNord- und Ostwinde machten den Dienst schwer. Wochenlang trug die Truppe Ohrenklappen, trotzdemging alles seinen Gang und die weiten Schneefelder lockten die Garnison Stettin und ihren rastlosen kommandierenden General zu vielen und großen Übungen gerade in diejenigen Gegenden, die der Rulturwegen im Sommer unzugänglich waren. Die Kleinen machten es dem Großen nach. Das Frühjahrschlecht und besonders unfreundlich, bis in den Mai hinein, schloß sich diesem Winter an. Am 9. Maistellte ich mein Bataillon unter Sturm, Hagel und bei Schneetreiben vor. Doch die zähen kleinen Leuteexerzierten tadellos. Nicht eine Stunde habe ich im Dienst gefehlt, aber mich der Überzeugung doch nicht

Nahm den Abschied 1362.