— 296 —
einem Armeecorps besetzt, ohne dass die tapferen Söhne Hessens einen Schwertstreichmit dem Erbfeinde wechseln konnten. Die hessische Armee wurde entwaffnet und ent-lassen, und der mildgesinnte Divisions-General Lagrange übernahm als General-Gouverneurdie Regierung des Landes.
Nach vergeblichen von ihm gemachten Versuchen, die hessischen Truppen fin-den französischen Dienst zu organisiren, hoffte er dieses dadurch zu erreichen, dass eralle hessischen Infanterie-Regimenter auf den 15. bis 25. December in ihre alten Stand-orte berief und die Ausbleibenden mit Erschiessen bedrohte. Dieser Befehl rief denäussersten Widerstand der Hessen wach, überall bildeten sich Soldaten-Versammlungen,in welchen den Franzosen Tod und Verderben geschworen wurde. In Eschwege, der bis-herigen Garnison des Regiments von Wurmb, stürmten ehemalige Soldaten in der Nachtvom 22./23. Decbr. das Rathhaus, setzten sich wiederum in den Besitz ihrer Waffen,bemächtigten sich der von den Bürgern besetzten Wachen und organisirten unterFührung des Fouriers vom Wurmb'schen Regiment, Jacob Schumann, dieses Regimentfast völlig wieder. Nur die Führer fehlten, weil Napoleon Mitte November alle höherenOfflciere nach der Festung Mainz abgeführt hatte.') Endlich am 23. December gegenAbend traf von Cassel der Hauptmann Ludwig Thilo von Uslar mit einigen Waffen-gefährten in seiner alten Garnison Eschwege ein. Uslar zeichnete sich mehr durchgrosse Körperstärke, durch unerschrockenen Muth und eine schöne militairische Haltung,als durch einen eminenten Geist aus. Beim gemeinen Manne hatte er stets grosse Achtunggenossen, jetzt liess ihn Schumann streng bewachen, weil man ihn für einen französischenEmissair hielt. Doch bald gewann Uslar durch seine offene Rede, die für undeutscheVerstellung nicht gemacht war, die alte Popularität unter seinen Soldaten wieder undzwar in so hohem Grade, dass sie ihn laut zu ihrem Führer wünschten. Schon amfolgenden Morgen (24. Dec.) stand er an ihrer Spitze. Die Sache begann nun unterseiner Leitung eine geregeltere Gestalt und ein besseres, versprechenderes Aussehen an-zunehmen. Detachements wurden abgeschickt, um die herrschaftlichen Gassen in denbenachbarten Amtsorten in Empfang zu nehmen, Munition herbeizuschaffen und dieKanonen abzuholen, welche laut eingegangener Nachricht die Schmalkalder den Franzosenabgenommen haben sollten. Die in Menge von den Dörfern hereingekommenen Soldatenerhielten ordnungsmässig Quartier, Sold und Brod, und nach allen Richtungen hinwurden Verbindungen mit den Mannschaften anderer Regimenter angeknüpft.
Am 26. December — dem zweiten Ghristtage — versammelte sich nach demGottesdienste das Militair unter ungeheurem Zulauf aus der Stadt und Umgegend zurParade auf dem Markte. Uslar wurde hier zum „Obersten der Hessen" ausgerufen undvon Schumann feierlich beeidigt: „treu zu sein dem Kurfürsten, dem Vaterlande undseinen braven Soldaten." Darauf schwang er im Namen des dreieinigen Gottes dreimaldie frühere Fahne der Eschweger Schützen über Uslar's Haupt, während tausend Stimmenriefen: „Es lebe der Kurfürst! es lebe der Oberst der Hessen!" und die Musik das „Heilunserm Kurfürst" anstimmte.
Am folgenden Morgen trafen junge Leute und Soldaten aus 18 Gemeinden imGerichte Bilstein, mit ihren Schulzen an der Spitze, in Eschwege ein. Lärmend zogensie auf den Markt und verlangten, dass ihnen als alten Gavaileristen die vorhandenen40 Koppelpferde gegeben würden, welche, für die Franzosen bestimmt, einem ElsasserJuden zuvor abgenommen waren. Als U. ihnen diese mit der Erklärung, dass auf demLande Pferde genug seien, die vorhandenen aber kaum für den Dienst in der Stadthinreichten, verweigerte, zog der Haufe vor das weisse Ross und nahm dort mit Gewalt,was ihnen versagt war. U., dies hörend, eilte vor jenes Wirthshaus, zog den Degen,erklärte den noch anwesenden Haufen für eine Räuberbande und entriss ihm die wenigenPferde, welche noch nicht aus der Stadt geführt waren. Seitdem unterliess der Oberstder Hessen nichts, was zur Handhabung der strengsten Disciplin dienlich war, selbstnicht militärische Persönlichkeiten zog er vor seinen Richterstuhl. So verurtheilte ereinen Juden, der seine Mutter misshandelt hatte, zu 30 Stockprügeln, die derselbe vorder Hauptwache erhielt. Dies energische Benehmen verschaffte ihm bei dem grössten
1) Die folgende Erzählung nach: Lynker, Gesch. der Insurrection wider das westfäl. Gouverne-ment (2. Ausg. 1860), S. 25 — 45; Hochhuth, Erinnerungen an die Vorzeit und Gegenwart der StadtEschwege, S. 151 — 185; Schmincke, Gesch. der Stadt Eschwege, S. 257; Bülau, geheime Geschichten undräthselhafte Menschen, V, S. 469; Wagner, Gesch. der Stadt Allendorf a. d. Werra, S. 77 u. ff.; HessischeBlätter Nr. 1011 v. 1. März 1884.