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1 (1888) [Hauptbd.]
Entstehung
Seite
46
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eine leere Erfindung der Phantasie ist, hat sich bis heute im Munde des Volkes infolgendem sonderbaren Zweikampfe erhalten:

Auf den beiden Gleichen haben einmal zwei feindliche Brüder gelebt, die stetsmit einander in Fehde lagen. Auf dem Platze unter den Gleichen, welcher Kriegplatzoder Kriegholz heisst und jetzt den Reinhäusern gehört, haben sie mit einander ge-kämpft. Wollte der eine Bruder seinen Freund auf der Niedeck besuchen, so liess ei-sernem Pferde die Hufeisen verkehrt unterschlagen, damit der andere nicht wissen sollte,ob er weggeritten oder wieder zu Hause gekommen sei. Einst wollte der Ritter, welcherauf der nach Gelliehausen hin gelegenen Burg (Neuengieichen) wohnte, ausreiten; weiler aber etwas vergessen hatte, kehrte er wieder um, es zu holen. Sein Bruder, derihn bemerkt hatte, stand schon auf der Lauer und schoss nach ihm mit einer Pistole,traf ihn aber nicht. Zuletzt forderten sich die Brüder zu einem Zweikampfe heraus.Zu dem Ende stellte sich jeder in das Thor seiner Burg und beide schössen gleichzeitigauf einander. Beide wurden getroffen und blieben todt auf dem Platze." ! )

Der Dichter Gustav Schwab 2 ) hat diese Sage in veränderter Form zum Gegen-stande des folgenden Gedichtes gemacht:

Die beiden Gleichen bei Göttingen. (1821.)

Wer hat die Gleichen sich beschaut?Sie sind am gleichen Tag gebaut,Und auf dem DoppelhügelSchwingt ein Wind seine Flügel.

Jetzt liegen sie in Schutt und Rauch,Doch kommt heran des Liedes HauchUnd webt zur rechten StelleDie Burgen hoch und helle.

Zwei Brüder bauten rasch daranNach gleichem Sinn und gleichem Plan,Die Mauern grüssten zusammenDes Abendrothes Flammen.

Die Thore wölbten sich zugleichDie Maurer führten gleichen Streich,Bis beider Thürme SpitzenEin Morgenroth sah blitzen.

Und wo die Wände brüderlichDie eine kehrt zur andern sich,Sie liessen zu beiden SeitenSich den Altan bereiten.

Dann mit der Sonne frühstem StrahlDie guten Brüder jedesmal,

Sie grüssten sich querüberUnd hatten sich desto lieber.

Und mit dem letzten AbendlichtNicht liessen sie die süsse Pflicht,Sie winkten sich wie Kinder,Und schliefen um so linder.

Auch ihre Söhne hielten's so;

Darüber Anger und Wald war froh,Thät schöner als in ganz Sachsen,In solcher Eintracht wachsen.

Und auch der Söhne Söhne noch,Sie grüssten sich wie Brüder dochMit Kuss und Liebeszeichen,

Dort vom Altan der Gleichen.

So ging's ins zehnte, zwölfte Glied,Bis einer sonder Erben schied;

Doch, welcher es war von Beiden,Die Sage will's nicht entscheiden.

Wie dieser fühlt sein Ende nah'n,

Lässt er sich tragen zum Altan,

Er ruft von drüben vor SterbenDen einen Sohn zum Erben.

Von Lieb' und Eintracht predigt erDen beiden Gleichen theure Mähr;Sturmwolken trieb der Winter,Ein Spätroth stand dahinter.

Drauf schlief der alte Gleichen ein,Bald drüben auch der Vetter sein,Und von den Schlössern niederDa schauten Brüder wieder.

Doch war nicht Fried' und Freude seit,Die Erbschaft zeugte bösen Streit;Da führten ihre BahnenSie nicht zu den Altanen.

Der eine zog gen Süden aus,Vom Norden kam der andr' ins Haus,Sie suchten sich GenügenIn wilden Fehdezügen.

Der Wald erseufzte von dem Schall,Es klagte laut der WiderhallJa, ihrer Schlösser MauernDie fingen an zu trauern.

1) Schambach u. Müller, 1. e., S. 3; vgl. Veldeck (Klippel), Göttingen u. seine Umgebungen, II, S. 128.

2 ) G.Schwab, Gedichte (Reclam, Universal-Biblioth. Nr. Iü41 45), S.196; L.Grote,Hie Weif! etc.", S. 304;ungenau bei Chr. Voigt, Unterhaltungsstoffe aus dem Geschichts- und Sagenkreise der Stadt Göttingen,S. 122 und im Göttinger Anzeiger, 1. Jahrg. 1882, Nr. 129.