Im Verkehr mit bedeutenden Männern verschiedensten Berufes und verschiedenerNationalität, der sich in ungezwungener einfacher Weise auch hier in Rom in derWrangelischen Doppelfamilie bildete, war es bewunderungswürdig zu sehen wie er, imDrange sich von einem jeden auf dem Gebiet belehren zu lassen, das diesen speciell be-schäftigte — sei es nun Sculptur, Malerei, Archäologie, sei es die evangelische Glaubens-lehre beim evangelischen Prediger oder die katholischen Dogmen und Anschauungen einespäpstlichen Prälaten —, überall den Punkt herauszugreifen wusste, um den sich allesandere gruppirte. Ja die Männer, denen gegenüber er als Laie in ihrem Fach sich ganzauf die Schulbank setzte, mussten mehrmals bekennen, durch die Fragen dieses siebzig-jährigen „Schülers" hätten sie mehr gelernt und wären zu grösserer Klarheit über dieGesetze ihrer Kunst oder Wissenschaft gekommen, als durch lauge Vorträge manchenLehrers.
Im Frühjahr 1866, als ganz Europa in Kriegsaufregung war, auch Italien rüstete,verliessen die beiden Familien von Wrangell Italien; der Admiral mit seinen beidenTöchtern kehrte über Deutschland in seine nordische Heimath zurück, wo er die letztenLebensjahre in ländlicher Stille auf seinem Gute im Kreise seiner Kinder und Grosskinderverleben wollte. Der jüngere Bruder, General von Wrangell, folgte mit seiner Familieerst ein Jahr später dem gleichen Zug und nahm seinen Wohnort für den Rest seinesLebens in Dorpat, so dass die beiden alten Brüder nach einem kämpf- und sturmbewegtenLeben schliesslich einander wieder nahe sein und sich oft sehen durften.
Vier Jahre waren Ferdinand von Wrangell jetzt noch beschieden, die ihmnun wirklich zu einem schönen friedevollen Feierabend wurden. Zwar fehlte es auch indieser Zeit nicht an manchem Schweren, doch lag über dem Ganzen ein stilles Abend-roth ausgebreitet; das Wort des Propheten Jeremia war hier zu Wahrheit geworden:„Um den Abend wird es lichte sein." Sehnenden Geistes blickte er nach der ewigenHeimath hinüber und bereitete sich täglich vor, dem Rufe seines Herrn zu folgen; er„bestellte sein Haus" auch im äusseren Sinn des Wortes, indem er alle Vermögensverhält-nisse u. s. w. regelte, damit bei seinem Tode alles schon geordnet und klar sei. Dabeibehielt er aber das lebhafteste Interesse für alle politischen und anderen Fragen, diedamals die Gemütlier bewegten, und fuhr fort nach besten. Kräften seinem Lande undauch der engeren Heimatli durch seinen erfahrenen Rath in Schrift und Wort nützlichzu sein. Für die Hausgenossen und den Kreis befreundeter Familien aus der Nachbar-schaft, die sich gern auf dem Gute Ruil einfanden, war der Verkehr und Gedanken-austausch mit dem ernsten, doch mildgesinnten, stets lebendig angeregten Greis eineQuelle reicher Belehrung und Genusses. Eine grosse Bescheidenheit in betreff seinereigenen Person zeichnete sein Wesen aus, auch im Rückblick auf sein thatenreichesLeben, dem es ja an Anerkennung und Auszeichnung aller Art nicht gefehlt hatte.
Unter anderem war er auch zum Mitglied der „Academie de France", als Nach-folger Decandolle's, gewählt worden; nach seinem Tode ist der Sitz an den Kaiser vonBrasilien übergegangen. Dieser feingebildete und gelehrte Herrscher hat ein ganz be-sonderes persönliches Interesse für diesen seinen Vorgänger in der Akademie bekundet,nicht blos für den Reisenden und Gelehrten, sondern auch für den Menschen; er liess