auch in weiter zurückliegender Zeit durch geringere Ehelichkeitals das niedere Volk ausgezeichnet, oder ist dies erst in jüngererZeit gekommen? Das letztere scheint mir das wahrscheinlichstezu sein. Denn so lange Eheschließungen bei den unteren Klassenvon der Genehmigung eines Hausherrn oder der Behörden ab-hängig waren und allgemein große Scharen unverheirateter Dienergehalten wurden, muß die Ehefrequenz sich bei diesen Klassenin engen Grenzen bewegen. Unter diesem System, d. lr. vomMittelalter an bis zum Aufhören des Zunftwesens und der Leib-eigenschaft, ist die allgemeine Heiratsziffer niedrig und die Heirats-zahl der höheren Klassen wahrscheinlich hoch oder wenigstenshöher als die entsprechende bei den unteren gewesen. Die Auf-schlüsse, die wir vorher in dieser Arbeit über die Ehelichkeit in denausgestorbenen sowie in den sonst erloschenen Gliedern der lebendenadligen Geschlechter erhalten haben, deuten zwar auf keine großeEhelichkeit hin 1 ); aber wir wissen nicht, wie sie vor 1751 beimVolke in dessen Gesamtheit gewesen ist. Sicher hat sie damalsnicht hoch gestanden. Die Langsamkeit, mit der die Volks-vermehrung in Schweden in älterer Zeit vor sich ging, kannnicht einzig auf Rechnung der größeren Sterblichkeit geschriebenwerden — dann hätten Rußland und andere Länder keinen soungeheueren Vorsprung gewonnen — sondern auch ganz sicherauf eine verhältnismäßig sehr geringe Ehelichkeit 2 ).
In demselben Augenblicke, wo die die LIeiratslust derunteren Klassen hemmenden Bande fielen, und gleichzeitig dieIndustrie in die Höhe schoß und die Dienerscharen in denHäusern der Großen sich zu vermindern begannen — denn allesdies traf ungefähr auf einmal, obschon für jedes Land zu ver-schiedenen Zeitpunkten, ein — bekam die Heiratsfrequenz bei derMasse des Volkes einen starken Aufschwung. Hierdurch wurdendie Verhältnisse umgekehrt. Die Ehelichkeit in den niederenSchichten wurde nun größer als in den höheren, und dies
1) Oben S. 102 fg. Die dort gefundenen Massen der Ehelichkeit lassen sich jedochmit den zuletzt auf Grund der Zivilstandsstatistik gegebenen nicht gut vergleichen.
2) Die hier entwickelten Ansichten über die verschiedene Ehrlichkeit in denverschiedenen sozialen Klassen früher und jetzt finden in den Beobachtungen, dieM. Rubin betreffs der Verhältnisse in Dänemark in dem letzten Teil des 18. Jahr-hunderts gemacht hat [Folketal og Födselshyppighet (Volkszahl und Geburts-frequenz) in Dansk Historisk Tidsslcrift, 7 R. III, 1900], ihre volle Bestätigung.