Dieser plötzliche Umschlag erscheint eigentümlich. Manfragt sich unwillkürlich, woher er kommt? Denn auch wennman zu bemerken glaubt, daß er sich in den früheren Gliedernvorbereitet, so kommt er doch zu stark, um ein natürliches Er-gebnis des Lebens dieser Geschlechter zu sein. Er tritt viel-mehr als ein von außen kommendes Unglück auf. Das Cölibatkann sich ja immer geltend machen und bedroht den Bestandder Geschlechter; Zufälligkeiten können bewirken, daß es sich aneinem Punkt der Gliederkette so anhäuft, daß dieses dann dasletzte wird. Sein starkes Auftreten im letzten Gliede wäre indiesem Falle ein Werk des Zufalles. Allein auch diese Erklärunglöst nicht alle Zweifel.
Die Bedeutung der angeführten Verhältnisse für den Bestandder Geschlechter ist gleichwohl offenbar. Es geht mit der Ehe-ziffer zwar nicht, wie es nach der ersten Art der Messung der-selben aussah, beständig abwärts. Aber sie ist, selbst wenn sieam höchsten steht, doch stets sehr gering 1 ) und im Endgliedeabnorm niedrig. Es ist klar, daß diese Verhältnisse, wenn manihnen auch keineswegs die ganze Verantwortung für das Aus-sterben der Geschlechter aufbürden kann, doch in nicht geringemGrade dazu beigetragen haben. Denn ohne Ehe keine Zukunft;und je weniger Ehen, um so geringere Aussichten zur Weiter-führung des Geschlechtes. Das eingehendere Studium der Ge-schichte der Geschlechter bringt uns also schon beim erstenSchritte der Erklärung der Erscheinung, die wir zu untersuchenvorgenommen haben, oder den Ursachen des Aussterbens derAdelsgeschlechter, bedeutend näher.
Eine erschöpfende Darstellung der Ehelichkeit in denAdelsgeschlechtern erfordert, daß die Wiederverheiratungen,welche oben nicht besonders beachtet sind, mit in den Kreis derBetrachtung gezogen werden. Da diese indessen eine unterge-ordnete Rolle neben dem großen Entweder — Oder, Verheiratetoder Unverheiratet, spielen, so übergehe ich sie. Hier möge esgenügen, als weitere Illustration zu dieser Seite der Geschichteder Geschlechter anzuführen, daß diejenigen, die sich verheirateten,dies gewöhnlich ordentlich taten, so daß, wenn der Tod die Eheauflöste, der Witwer bald wieder eine neue schloß und damit
i) Die entsprechenden Zahlen in den Eingliedsgeschlechtern sind, wie wir unsaus dem vorhergehenden erinnern, bedeutend günstiger: 23,9 °/ 0 Unverheiratete gegen76,1 °/ 0 Verheiratete.