I 66 SELBSTBIOGRAPHIE DES GRAFEN KARL VON ZINZENDORF.
stets kleinmüthig gemacht und von dem bescheidensten Zutrauenauf seine Kräfte entblösst, wird fremder Beifall eine unentbehr-liche Stütze, ohne welche man, unentschlossen, keinen Schrittwagen darf. Entdeckt der nachdenkende Mann dergleichen Schwach-heiten in sich, so macht ihn das stete Bestreben, dieselben zubekämpfen, nur immer mehr mit sich selbst uneins, und gewöhntihn an eine verderbliche mit den Jahren zunehmende Melancholie.Die Furcht, nie in der Gesellschaft zu gefallen, macht die Vor-sichtigkeit zu weit treiben, macht ungesellig, erzeugt unnöthigeTraurigkeit und Langeweile. Und mitten unter so niederdrücken-den, aller Lebensweisheit und dem Glück, seiner selbst und desLebens froh zu werden, entgegenstehenden Gebrechen und Ab-wegen wächst der Jüngling zu einem Manne, der durch Gerad-heit und Rechtschatfenheit, durch ernste Sitten, durch tiefes undanhaltendes Nachdenken, durch Neigung zum allgemeinen Wohl-wollen, durch eine nicht gemeine Arbeitsamkeit seinen Mitbürgern,dem Vaterlande, der Menschheit wesentlich nützlich zu werden,trachtet. Stetes Streben nach Vollkommenheit hindert ihn, sichan den Produkten eines aufgeklärten Fleisses selbst zu spiegeln,selbst wohlzugefallen, und setzt ihn der Unannehmlichkeit aus,dass andere von sich mehr eingenommene Menschen bei allerMangelhaftigkeit ihrer wenigen Arbeiten mehr Beifall unter demPöbel von allen Klassen einernten, als er, der bei unermüdejtemFleiss und stetem Augenmerk auf das Beste des Ganzen keineneigennützigen Gedanken sich gestattete, um die Reinheit seinerAbsichten nicht zu verunstalten. Eine erzwungene Entfernungvon dem andern Geschlecht machte ihm sein Dasein noch trauriger.Kurz, Beschaffenheit des Körpers, Erziehung und äussere Um-stände bildeten den Geist und Charakter der Seele und gabenihr jene Vorzüge und Gebrechen, welche diesem Individuumdurch sein ganzes Leben anhingen und von welchen kein Ver-nünfteln ihn zu entledigen im Stande war.
Graf Karl von Zinzendorf erblickte, wie erwähnt, das Lichtder Welt zu Dresden, Montag den 5. Januar 1739, Abendszwischen 8 und 9 Uhr.
Nach der damaligen Gewohnheit bei lutherischen Tauf-akten, wohnten neun Pathen demselben am 7. Januar bei.Unter denselben waren Johann Adolf Graf v. Looss, Frau ge-