Druckschrift 
12 (1856)
Entstehung
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Ein neuer Zeitabschnitt für Kassel begann mit der Negie-rung des Landgrafen Karl. Bauen war die Leidenschaft diesesFürsten und sein schaffender Geist rief die großartigsten Werkein's Daseyn. Wie den freundlichen Auegarten mit seinem Oran-gerieschlosse, so schuf er auch den kolossalen Bau des Karlsbergsanit seinem weit über die Thäler und Höhen schauenden Herku-les, ein Werk, das eben sowohl in seiner Großartigkeit, als inseiner Abentheuerlichkeit mit den Pyramiden Egyptens verglichenwerden kann. Doch eine seiner folgenreichsten Handlungen fürKassel war die Aufnahme zahlreicher französischer Protestanten.Durch diese fleißigen Fremdlinge, von denen verschiedene schonvor der Aufhebung des Edikts von Nantes in Kassel sich nieder-gelassen hatten, begründete er nicht nur an dem Zusammenflusseder Diemel und Weser das freundliche Karlshafen und eine Reihe imLande zerstreuter Dörfer, sonderu zu Kassel auch die prächtigeOberncustadt, deren erstes Haus 1688 erbaut wurde. Karl wares vor allen hessischen Fürsten, der Kassel zu einer der schönstenStädte erhob.

Schwere Zeiten sowohl für das Land als für Kasselbrachte der siebenjährige Krieg. Es fehlt jedoch hier der Raum,um die Leiden zu schildern, mit welchen dieser Krieg Kasselüberschüttete. Schon am 13. Juni 1757 fiel Kassel ohne Wider-stand in die Hände der Franzosen. Es war dieses das erste-mal, daß es Feinde in seinen Mauern sah. Seitdem wechseltenseine Besitzer öfter und es erlitt selbst zwei schwere Belagerun-gen, die eben so reich an Schrecken, als an Entbehrungenwaren.

Als Friedrich II. 1762 die Negierung antrat, war Kasseltief verschuldet. Aber bald beganu sich dasselbe zu verschönern;seine Festungswerke verschwanden und der geränmige Friedrichs-platz und der runde Königsplatz traten an ihre Stelle; auch zahl-reiche Neubauten erhoben sich, vor allen das prächtigeMuseum.

Schnell, wie ein Phantom, schwand aber der Glanzund der Lurus, welche Kassel unter Friedrich erfüllt hatten, undmit ihnen auch das Heer von Abentheurern, welche im hessischenBlute und Schweiße geschwelgt, als Friedrich die Augen schloßund Wilhelm IX. die Zügel der Regierung ergriff. Auch dieserFürst, der 1803 die Kurfürstenwürde übernahm, fuhr in derVerschönerung seiner Residenzstadt fort, noch mehr aber that erfür Wilhelmshöhe, das erst durch ihn zu demschönsten GartenDeutschlands" erhoben wurde.

Schon hatten größere Staaten sich den siegreichen WaffenNapoleons gebeugt, als 1806 auch die Reihe an das kleineHessen kam; die engherzige Politik Kurfürst Wilhelm I. stürzteihn und sein Haus. Am 1. November 1806 mußte er flüchtendsein Land verlassen und Hessen wurde nun die Provinz desneugeschaffenen Königreichs Westphalen. In Kassel wurde derThron des neuen Königs aufgerichtet und sieben Jahre strömtenin demselben die Reichthümer des Reiches zusammen, sieben

Jahre gebot daselbst französische Sprache und französische Sitte,und sieben Jahre sah dasselbe den schwelgerischen Lurus einessardanapalischen Hofes. Manches zu warm und zu laut fürdas Vaterland schlagende Herz wurde in dieser Zeit gewaltsam zumVerstummen gebracht, aber auch mancher Säckel wurde gefüllt,und während das Land unter dem schweren Drucke seufzte, warUeberfluß und Reichthum in der Hauptstadt. Da tönten plötzlichvon Leipzigs Ebenen die Donner der großen Völkerschlacht her-über und das so erschütternd und zermalmend, daß die Banden,welche das Reich umschlangen, zerrissen und der schwacheThron Jerome's vor ihnen zerbrach.

Am 26. Oktober verschwand der Exkönig zum zweiten undletztenmal, um nimmer wieder zu kehren, und am 21. Novem-ber kehrte, nach siebenjähriger Trennung, der greise Fürst derHessen, unter dem Jubel seines Volkes, in die Residenz seinerVäter zurück. Die Hoffnungen, welche man auf die neue Ge-staltung der Dinge setzte, gingen jedoch nicht in Erfüllung.Vieles Gute, was die Fremdherrschaft geschaffen und schon Wur-zeln geschlagen, wurde vernichtet und Vieles längst Vergessenewieder hervorgeholt. Die sieben Jahre sollten aus der Geschichtegestrichen werden. Aber auch die Hoffnungen, welche seinenNachfolger Wilhelm II. begrüßten, erbleichten schon bald nachdessen Negierungs-Antritte; ein Weib gewann die Herrschaftüber den sonst gutherzigen Fürsten und beutete mit der uner-sättlichsten Habgier die Schätze des Landes aus. Obwohl Kasselwährend dieser Zeit vielfache Verschönerungen erhielt, so zeigtseine innere Geschichte doch ein um so trüberes Bild, einenfortwährenden Kampf gegen Eingriffe der Negierungsgewalt.Der Blitz, welcher im Juni 1830, den Thron der Bourbonenzerstörte, fand deßhalb auch in Hessen Zündstoff in Menge.Kassel stellte sich an die Spitze des Landes und errang am15. September die Zusage einer Verfassung, welche dann aucham 8. Januar 1831 in's Leben trat. Doch Kurfürst WilhAm II.legte kurz nachher die Negierung in die Hände seines Thron-erben nieder. Auch dessen Negierung zeigt wieder eine langeReihe von Kämpfen, bis das Jahr 1848 eine Aussöhnungbrachte. Das Volk hatte schnell alles Vergangene vergessen undhuldigte seinem Fürsten mit aufrichtiger Liebe. Trotz manchennoch blutenden Wunden zeigte sich vorzüglich Kassels Bür-gerschaft in einem so konservativen Sinne, daß langehin diedemokratische Partei keinen Boden finden konnte. Aber manverstand es nicht diesen Sinn zu Pflegen; der kindliche Glaube,der bei jenem schönen Volksfeste am 6. August 1848, dessenAndenken gewiß Allen unvergeßlich bleiben wird, noch auf einewahrhaft rührende Weise sich aussprach, dieser Glaube begannbald mehr und mehr zu schwinden und ging endlich im Jahre1850 gänzlich zu Grabe. Was seitdem geschehen ist, brauchenwir nicht zu erzählen; es steht noch frisch vor Aller Augen.Das heilig geachtete Recht liegt zerrissen am Boden. Fern vonjeden revolutionären Gelüsten stand das hessische Volk, standen

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