Druckschrift 
12 (1856)
Entstehung
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und namentlich zu wenige Thürme besitzt, jene imponircndc Groß-artigkeit, durch welche manche kleinere Stadt oft schon aus derFerne das Interesse des Wanderers reizt. Eine der schönstenAnsichten gewährt der über dem Dorfe Sandershausen aufstei-gende Berg, nämlich dieselbe Höhe, auf welcher am 2-4. Juli1758 hessische Truppen mit einer doppelten Anzahl Franzosenin einer blutigen Schlacht rangen. Wählt man die Morgen-beleuchtung, so daß man die Sonne im Rücken hat, so zeigtsich ein unvergleichlich schönes Nundgemälde: das ganze einemGarten ähnliche Thal liegt vor uns ausgebreitet. Den Vorder-grund bildet eine weithin sich streckende vom Fuldastrome durch-schlungcne Wicsenfläche, mitten im Thale liegt glitzernd undblitzend in einem breiten grünen Kranze von Gärten und An-lagen die Stadt und den Hintergrund bildet der stolze Habichts-wald mit seinen deutlich hervortretenden Prachtgebäuden.

Wenige Städte besitzen einen gleichen Reichthum an Privat-gärten, nach allen Seiten hin erstrecken sich dieselben und umschlingendie Stadt in einem breiten Gürtel. Wie zahlreich und wie über-aus reizend sind nicht auch seine öffentlichen Gärten. Nach allenRichtungen durchziehen das Thal Alleen von Linden, Kastanien,Pappeln ?c., ja es findet sich sogar eine V2 Meile lange Eichen-allee. Und dazu nehme man noch jene in seltener Großartigkeitprangenden und dem Publikum offen stehenden Anlagen derKarlsaue, der Wilhelmshöhe und der lieblichen Anstenruhe undman wird zugeben müssen, daß Kassel schon seiner Lage undseiner Umgebungen halber sich ohne Ueberhebung den schönstenseiner deutschen Schwestcrstädte zur Seite stellen könne.

Erst im Anfange des zehnten Jahrhunderts lernen wirKassel kennen. Es ist dieses im Jahre 913, wo der deutscheKönig Konrad in zwei Privilegien ausfertigen ließ.

Da Konrad seine Stammgüter insbesondere in Hessen hatte, somag deßhalb auch Kassel dazu gehört haben. Um wie viel älterKassel war, läßt sich freilich nicht sagen; für eine römische An-lage, für die man es früher zuweilen ausgegeben, spricht aberkein Grund. Kassel war ein einfaches Dorf, ähnlich wie tausendandere Dörfer. Es bestand aus einem freien oder Herrnhofeund einer Anzahl von Bauerngehöften, welche zu jenem zins-und dienstpflichtig waren. Dieser Hof lag entweder da, wojetzt der Nenthof steht, oder, was eben so viel für sich hat, ernahm die Stelle ein, an welcher sich später die Landgrafenburgerhob.

Nach dem Tode König Konrad's und dem Untergangeseines Bruders des hessischen Grafen Eberhard kam Kassel indie Hände des sächsischen Kaiserhauses. Der Besitz desselben warindeß nicht dauernd; schon 1998 schenkte der bigotte KaiserHeinrich II. seinen Hof (ourti«) Cassela seiner nicht minderfrömmelnden Gemahlin Kunigunde und diese bestimmte ihn fürihre Lieblingsstiftung, die benachbarte Abtei Kaufungen. Esscheint jedoch als ob diese Schenkung nicht zur Ausführung ge-kommen oder der Besitz der Abtei nur ein kurzer gewesen sey,

denn später findet sich auch nicht eine Spur mehr davon. Ge-nug I Kassel kam wieder in weltliche Hände und gelangte endlichim Anfange des zwölften Jahrhunderts in den Besitz der Land-grafen von Thüringen, unter deren Fürsorge es nun bald rascherheranwuchs. Diese begründeten um die Mitte des zwölftenJahrhunderts an der nordöstlichen Seite des Dorfes über dem BacheAhna das Jungfrauen-Kloster Ahnaberg, und erhoben im An-fange des dreizehnten Jahrhunderts auch das seitherige Dorf zueiner Stadt. Durch diese Erhebung zu einer Stadt wurde so-wohl das innere als das äußere Bild Kassels gänzlich umgestal-tet. Die neue Stadt erhielt nicht nur eine eigene selbstständigeVerwaltung und ein eigenes vom Landgerichte durchweg unab-hängiges Stadtgericht, sondern dieselbe wurde auch mit Mauernund Gräben umgeben, und so gegen äußere feindliche Angriffegeschützt. Die nächste Folge hiervon war, daß seitdem auchdie Bevölkerung sich mehrte, indem viele Landbewohner um dasBürgerrecht sich bewarben und in der Stadt sich anbauten.Durch diese Neubauten wurden nun die Räume zwischen denbis dahin nach urdeutscher Sitte vereinzelt gelegenen Gehöftennach und nach ausgefüllt und es entstanden endlich geschlosseneStraßen, welche freilich eng und krumm waren, weil jederden vorhandenen Ortsverhältnissen sich fügen mußte.

Dieser Ausbau zu Straßen war sicher schon vollendet, alsdas thüringische Herrschergeschlecht, 12-47, mit dem deutschenKönige Heinrich Raspe erlosch. Während Thüringen selbst andie Markgrafen von Meißen überging, gelangten dagegen diehessischen Besitzungen der thüringischen Landgrafen und darunterauch Kassel an eine Tochter der h. Elisabeth die Gemahlindes Herzogs Heinrich von Brabant und deren noch jugendlichenSohn Heinrich.

Erst jetzt wurde Kassel die wirkliche Hauptstadt des Lan-des, wenigstens Niederhessens, denn durch das ganze Mittelalterblieb Marburg dasselbe für Oberhessen, da beide Landeotheilefortwährend als zwei selbstständige Lande betrachtet wurden,was sie ihrem innersten Wesen nach in der That auch waren.Sogar der Aufenthalt der Fürsten wechselte zwischen beidenStädten. An beiden Orten, in Marburg wie in Kassel, hinter-ließ auch Landgraf Heinrich I. noch heute fortdauernde Denkmaleseines Wirkens. Zu Kassel baute er eiue neue Burg, ob au derStelle einer früheren, ist ungewiß, obwohl nicht unwahrschein-lich; dann stiftete er nächst derselben ein Karmeliter-Kloster(1292) und legte jenseits der Fulda eine neue Stadt, die Unter-neustadt, an, welche er durch eine Brücke mit der alten Stadtverband. Auch gründete seine zweite Gemahlin vor der Stadt,nicht fern von der Burg, ein noch heute fortbestehendes derh. Elisabeth geweihetes Hospital.

Noch bedeutender wuchs jedoch Kassel unter Heinrich des I.Enkel dem Landgrafen Heinrich II. Dieser begann nicht langenach seinem Regierungsantritte, welcher 1328 erfolgte, die Alt-stadt durch eine neue Stadtaulage zu erweitern. Zu diesem