auf Halle abgesehen war. Es sollten Professoren und Studenten, Lehr- ^inhalt und Lehrsorin um jeden Preis in die verlassenen Kerkermauernder symbolischen Bücher wieder zurückgezwängt werden. Als der Mi-nister Wöllner, welcher der Hauptanstifter war, im Jahre 1794 diebeiden Obcrschulräthe Hermes und Hilmer nach Halle scnvete, umsich persönlich von der Ausführung der Maaßregeln zu überzeugen,mußten sie zwar in Folge des darüber entstandenen Tumultes, besondersvon Seiten der Studenten, in eiliger Flucht die Stadt verlassen, indeßder königliche und ministerielle Zorn schwebte nur um so schwerer überHalle. Der Druck ließ nach, als Friedrich Wilhelm !>I. 1797 denThron bestieg, den Minister Wöllner entließ und öffentlich erklärte:Vernunft und Wissenschaft sollten die Gefährten der Religion sein, undder Stadt wie der Universität manche Gunstbezeugung zuwandte.
Der Friede sollte nicht lange dauern. Als nach der unglücklichenSchlacht bei Jena die Stadt, unter vergeblichem Widerstande, wel-chen die von dem (Verräther?) Herzog Eugen schlecht geführte Nachhutder Preußen vor Halle zu leisten suchte, am l7. Oktb. 1896 an dieFranzosen überging, wobei mehrere Fälle von Gewaltthätigkeiten sichereigneten, nahm zwar der Marschall Bernadotte eine Deputationsehr günstig auf und verbot sofort das Plündern; nachvem aber am19. Oktober auch Napoleon in die Stadt gekommen war, beiwelchem mehrere Dcnuneiationcn über den patriotischen Sinn derEinwohner eingegangen sein mochten, ließ am folgenden Tage einkaiserlicher Adjutant den Prorektor Maaß zu sich bescheiden, undmachte ihm starke Vorwürfe. Noch an demselben Tage erhielten alleStudenten, mit Ausnahme derer, welche ihre Eltern in der Stadthatten, den Befehl, diese binnen 24 Stunden zu verlassen; die Pro-fessoren wurden ihres Gehaltes beraubt. Traf durch diese tyrannischenMaaßregeln den Wohlstand der Stadt ein starker Verlust, so waren dieLasten der Einquartierungen und Lieferungen noch schwerer. Indeß Na-poleon wollte die Stadt noch härter strafen. Im Jahre 1897 wurden plötz-lich, am Vorabende des Pfingstfestes, mehrere angesehene Männer der Stadt,unter ihnen Nie m eyer, der einflußreichste, nach I'uM in Frank-
reich in's Eril geschickt, von wo sie indeß noch in demselben Jahre zurück-kehrten. Schon vor ihrer Zurückkunst, am 9. Juli 1897, mußte die Stadtdem Könige des neu errichteten Westph ä lisch en Königreichs, Hie-ronymus, huldigen, welcher sich, namentlich als eine Deputation, anderen Spitze Niemeyer stand, am 23. Decbr. l897 bei ihm Audienz gehabthatre, nicht ohne Wohlwollen für Stadt und Universität erwies. Nachdemdie letztere 1898 wieder eröffnet, I8l2 aber die Stadt mit schweren Ein-quartierungslasten heimgesucht worden war, brachte das Jahr 1813 vonNeuem den kaiserlichen Zorn. Am 13. Juli nämlich empfing Nap oleon,als er behufs des Pferdewechsels vor dem Leipziger Thore hielt, eineDeputation der Stadt und der Universität so ungnädig, daß er unterFlüchen und Schimpfreden die Aeußerung ausstieß: i<?s
(Ich werde sie alle (Studenten und Professoren) fortjagen).Schon am 15. Juli befahl er die Universität aufzuheben, undam 19. wurden die Vorlesungen geschlossen. Den Professoren blieb derhalbe Gehalt. Bald indeß wandte sich das Geschick; die vaterländi-schen Armeen zogen heran, Blücher kam nach Halle, Bürger undStudenten traten in die Reihen der Befreiungskämpfer, die Stadtbrachte freudig die größesten Opfer, und in den Ebenen von Leip-zig zerbrachen die Ketten des Zwingherrcn. Noch in demselbenJahre, am 15. November, nachdem die Stadt unter ihren früherenLandesherren zurückgekehrt war, ward auch die Universität her-gestellt, und hob sich bald zu einem ungemeinen Flor, namentlich auchin Folge der Fonds unv Lehrmittel, welche ihr aus der (18>5) auf-gehobenen Universität Wittenberg zugeflossen waren. In diese Zeit fälltauch die Vereinigung der Vorstädte Glaucha und Neumarkt mit dereigentlichen Stadt und ihrer Verwaltung.
Jetzt beginnt wieder das komische unv tragische Treiben der Stu- !dentenwelt, von dem die Stadt oft wiederhallte. Die Bürger lebten
meist von der Universität, und mußten sich daher auch manchen Exceßgefallen lassen. Als in den zwanziger Jahren, unter Geseuius's Pro-rektorat, eine den Studenten mißliebige Maaßregel eingeführt werdensollte, verließ ein großer Theil derselben die Stadt und quartirte sichin den nächsten Dörfern ein, kam jedoch nach einigen Tagen in dieStadt zurück. Hatte bis hierher in der Stadt und auf der Universitätder Rationalismus und seine etwas oberflächliche Anschauungsweiseunbedingt geherrscht, so sollte jetzt eine Krisis eintreten. Es kameneinige orthodorc und hegelsche Lehrer in die Reihen der Professoren(seit 1824 Hinricbs, seit 1826 Tholuck), und brachten das Ferment neuerflüssigerer Jveen mit. Die Gährung nahm bald eine Wendung auf dasspeciell religiöse Gebiet und auf die äußere Agitation. Die gläubigePartei wußte bald bei Hofe Einfluß zu gewinnen, und Denunciationenthaten das Ihrige. Namentlich richteten sich diese gegen die Häupterdes Rationalismus, Wegschcider und Gcsenius (1839). Alleinder König, obwohl persönlich ihren Religionsansichten nicht hold, ent-schied, eingedenk seines bei dem Regierungsantritte gethanen Ausspruches,zu Gunsten der Angeklagten, und bewies sich nach wie vor gegen Uni-versität und Stadt sehr wohlwollend, wie dies namentlich viele, unterseiner Regierung begonnene Neubauten (siehe oben) bestätigen. AuchFriedrich Wilhelm IV. (seit 1849) that sehr Vieles für vie ma-terielle Wohlfahrt der Stadt (siehe ebenfalls oben), aber er neigte sichentschieden auf die Seite der orthodoxen Partei, so daß seit seinem Re-gierungsantritte an der Universität jene Richtung das Uebergewichterhielt, gleichzeitig aber auch die Bedeutung der Universität für dasLeben der Stadt gegen früher zurücktrat. Handel und Wandel nahmen,besonders nach Eröffnung der Magdeburg-Leipziger (1849) und der Halle-Thüringer (1845) Eisenbahn, einen bedeutenden Aufschwung, und bilden vonjetzt ab Hauptknotenpunktc in der Geschichte der Stadt. Indeß tauchten mitder Bewegung der protestantischen Freunde, denen, außer Mag-deburg, besonders Halle zum Mittelpunkte diente, 1844 die geistigen Inter-essen noch einmal mächtig auf. Der mit der freieren Richtung des Hege-lianismus verbündete Rationalismus (Wislicenus, Uhlicb, Schwarz, Nie-meyer,Franke, Duncker, Schwetfcbke,Haym, Hildebrandt,König, Hildenha-gen, Fubel, Zschicsche :c.)reagirte mit Erfolg gegen die Restauration des altenGlaubens und auf seiner Seite stand die ungeheure Mehrzahl der Bürger.Es erfolgte 1845 die Stiftung der deutsch-katholischen Gemeinde (PredigerGiese), ferner die der freien Gemeinde unter Wislicenus 1846. Bald indeßbegab sich (1847) die Bewegung auf das p ol iti sch e Gebiet, namentlichseit 1848, wozu die Bürgerversammlungen und die Zweckessen auf derTraube anderweitige Organe geschaffen hatten. Die Stadt erklärte sichfür die Märzbew egung, und am 26. März ward (unter Leitung desDiakonus Hasemanu) die große Versammlung auf der Wiese bei demGasthof zur Egge abgehalten, worauf an demselben Abende eine groß-artige Illumination erfolgte. Mit bedeutender Mehrheit ward hieraufProf. Duncker zum Deputirten nach Frankfurt erwählt und Prof. Bur-meister zu seinem Stellvertreter, während von anderen Kreisen Buch-händler Schwetschke, Dr. Scbwarz und Dr. Haym nach Frankfurt ge-schickt wurden, so daß dort 4 Hallenser (bei der Gagernschen Partei)saßen. Später wurden nacb einander Direktor Niemeycr, KaufmannJacob, Landrath von Bassewitz, Rektor Eckstein, Professor Burmeisternach Berlin abgeordnet. Bald indeß hörte die politische Einstimmigkeitauf, es bildeten sich neben dem konstitutionellen Klub der ultrademo-kratische Volksverein, der gemäßigt demokratische Wahl-, später deutscheVerein und der Prcußenverein mit dem Treubundc. Vom 15. Novemberbis zum 17. tagte der Sicherheitsausschuß, worauf am 19. der offeneAusstand losbrach, welcher indeß durch Militär und Bürgcrwehr baldunterdrückt ward und mit mehreren Arreftationen endete. Von dieserZeit an bis zu den rctrograden Maaßregeln der Regierung dominirtein der Stadt die konservative Partei, bis in den letztvergangenenMonaten (am Ende des Jahres 1859) die Stimmung überwiegend indie Gegnerschaft des Ministeriums umschlug.
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