Walle an der Kaale.
Topographie
^ie Stadt Halle, als deren Mittelpunkt der rothe Thurm zu be-trachten ist, liegt unter öl" 2!!' 26" nördl. Br. und 29" 3D 47" östl.Br., an der Grenze der norddeutschen Ebene, wo diese in die mansfeldi-schen Vor berge des Harzes übergeht, und verdankt ihre Stellungin der Geschichte so wie im gewerblichen Leben wesentlich den geogno-stisckeN Verhältnissen, deren gegenwärtige Konfiguration durch die,wahrscheinlich mehrfach wiederholten, Durchbrüche und Hebungen desPorphyrs bedingt ist, welcher in dem 3 Stunden von der Stadtnördlich, ungefähr 1000 Fuß über dem Meer bei Curhafcn, gelegenenPerersberge seinen höchsten Kegel zu Tage getrieben hat. Zwar zeigtdie Gegend keine Spuren von vulkanischer Thätigkeit, aber heftigeErterschüttcrungen waren in den früheren Jahrhunderten keineseltene Erscheinung. Die Erschütterung am 16. December 159d warso heftig, daß viele Menschen aus den Betten sprangen. Als jeneplatonischen Massen zum Durchbruch kamen, der Boden sich abwech-selnd hob und senkte, und die dadurch veranlaßten Fluthungen desMeeres ihre Gewalt ausübten, wurden die Wälder niedergeworfen undtheilweis in die entstandenen Buchten des Meeres durch die Kraft desWassers abgesetzt, mit Schwemmland und an einigen Stellen mit denneu durchbrechenden Porphyren, so wie mit dem Porphyrkonglomeratund den metamorphosirten Gesteinen über- und umlagert. Daher deraußerordentliche Reichthum an Braunkohle in der nächsten Umgebungder Stadt, welche schon seit langen Zeiten das gewöhnliche Brennmaterialfür Oefcn und andere Etablissements, und deren Erschöpfung bis in diefernsten Zeiten nicht zu besorgen ist. Weniger reichhaltig sind dieSteinkohlenlager, deren ältestes, unweit des Städtchens Wettin,2 Meilen nordwestlich von Halle, im Jahre 1466 aufgefunden, aber erstlange Zeit nachher benutzt ward. Im Jahre 1624 ließ der Admini-strator Christian Wilhelm die ersten Versuche anstellen, die Steinkohlezum Versieden der Soole anzuwenden, deren fetziges Feuerungsmaterialhauptsächlich die Braunkohle bildet. Nachdem später die Flötze beiLöbejiin aufgefunden waren, entdeckte man um das Jahr l736 in größe-rer Nähe von Halle, bei dem Dorfe Dölan, ebenfalls Steinkohlen,welche jedoch hier nicht sowol in Flötzcn, als viel mehr in Nesternniedergelegt, und an Güte der vorhin genannten nicht ganz gleich ist.Nach dem Kriege von 1806 sind diese Gruben eingegangen und bisietzr nicht wieder aufgeschlossen worden. — In naher Verbindung mitder Steinkohlen- und Braunkohlen-Formation steht diejenige sedimentäreFormation, in welcher die Salzlager der Soole niedergelegt sind.Wahrend die in frühester Zeit zur Salzgewinnung, seit einigen Jahrenzu medicinischcn Zwecken im Bade Wittekind benutzten Salzquellen nurgeringe Procente an Chlornatrium (dein eigentlichen Küchensalz) ent-halten sZ'/z Proc.), sind die mitten in der Stadt, hart an der Saale, ander «stelle, wo die Sandsteinformation durch das in der nördlichen Hälfteder Stadt auftretende Porphyrkonglomerat begrenzt wird, zu Tagekommenden Quellen weit reichhaltiger. Jedoch haben auch die hier zumbcrsieden dienenden Brunnen mit der Zeit in ihrem Procentgehalte nichtunbedeutende Wechsel erfahren. Während von den früher gangbarenDuellen jetzt der Meteritz ^ und der vor Zeiten an Salz reichhaltigsteteutsche Brunnen, so wie der im Anfang des 18. Jahrh, gegrabeneKönigsborn, zugeworfen sind und der Hakeborn (6 proeemig) nur zuAäpern benutzt wird, liefert der 83 Fuß tiefe Gutjahrbrunncn
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s!8s/z procentig) die versottene Soole. — Während zum Waschen dasin Röhren geleitete Saalwasser dient, zeigt sich das Brunnenwassermit vielen Salzen vermischt und hat meist keinen guten Geschmack.Nur das Waisenhaus hat vermöge einer 1718 angelegten Stollenleitungein ausgezeichnetes Wasser. Aus diesen Gründen, ferner wegen der> Schwefelwasserstoffentwickelung aus dem Boden u. s. w. herrscht hierund da die Meinung, daß Halle mindestens den Verdauungsverhältnissennickt günstig sei, wogegen die Atmosphäre für Lungenkranke sich wohl-thätig erweise. Die Cholera hat 1832, 1849 und 18)9 allerdings ver-hältnißmäßig viele Opfer gefordert.
Ein anderes Product der geologischen Erdrevolutionen ist derKaolin oder die Porcellanerde, welche unzweifelhaft ihre Entstehungdein verwitterten Feldspath des Porphyrs verdankt, und sich zwischenden zu Tage stehenden Porphyren und ver Braunkohlenformation, meistnicht tief unter der Erdoberfläche, angehäuft findet. In dem mit ihrbetriebenen sehr lebhaften Handel, welcher meist auf Wasserstraßen ver-mittelt wird, gelangt sie zum größeren Theile in die berliner Porcellan-fabriken, findet aber selbst bis Petersburg ihren Weg. — Ebenfalls derVerwitterung des Porphyrs verdankt die Umgegend von Halle denfruchtbaren Acker- und Gartenboden, während die Thalsohleder Saale den sehr ergiebigen Wiesen ihre Entstehung gab. Die land-wirthschaftlichen Hauptprodukte sind besonders Waizen, Rog-gen, Raps, Kümmel, Karden, Zuckerrüben, Kirschen und Gemüse.Namentlich hat der Zuckerrübenbau innerhalb des letzten Jahrzehntsdurch die Anlage der noch immer sich mehrenden Zuckerfabriken seinedavon in der Stadt) eine bedeutende Ausdehnung gewonnen, so daßder jährliche Pachtschilling eines Morgens in der Nähe ver Stadt be-reits bis auf 15 zu 20 Thaler gestiegen ist und der Tagelohn eine,wenn auch nicht ganz entsprechende, Erhöhung gefunden hat. — Nebenden angeführten Gewerbszweigen der Salz- unv Zuckerproduktion, sowie der Schifffahrt auf der Saale, verdient besonders die Stärke-fabrikation hervorgehoben zu werden, welche ihre Produkte schon seitlanger Zeit weithin versendet, wogegen die früher sehr schwunghafteWeberei, namentlich in Strumpf- und anderen Wollen-Waaren, wozu be-sonders die llill'u-ssss seit 1685 den Grund legten, jetzt nur noch küm-merliche Reste zeigt. Ebenso ist der Weinbau, welchem früher fast jedeHöhe, resp, jeder Abhang, diente, durch die steigende Bierkonsumtionbis auf wenige Ueberbleibsel verschwunden. Es galt vor Zeiten fürjeden Bürger, welcher einigermaßen Anspruch auf Wohlhabenheit machte,als eine Ehrensache, in der Nähe oder in der Ferne einen Weinbergzu besitzen. Ein ähnliches Schicksal hat die halleschen Schuhmachergetroffen, von denen viele zu wenig den Anforderungen der mitder Eleganz verbündeten Dauerhaftigkeit genügten, als daß sie sichnicht hätten durch die erfurter, weißenfelser und andere Konkurrenzüberflügeln lassen. Es darf überhaupt, selbst von dem wärmsten Stadt-patriotismus, nicht geläugnet werden, daß Nettigkeit, Sauberkeit undfeiner Geschmack in den Erzeugnissen des Handwerks und der Kunst nochVieles zu wünschen übrig lassen. Könnte man auch Handwerk undKunst einigermaßen durch den landberühmten Gasfenkoth entschuldi-gen, so verdient doch der Mangel an Energie, welcher diesem Grund-übel nickt abhilft, kaum eine Entschuldigung. Halle ist in dieser Hinsichtein lebendiges und keineswegs junges Beispiel davon, wie eng gewisse