- 97 -
Vier Stunden waren wir gewandert, da Härten wir fröhlicheMcnschenstimmen und befanden uns vor einem Dorfe,unserer Meinung nach war es Petersdorf, 1 Stunde vonNordhansen. Um aber doch sicher zu sein, fragten wir,wie das Dorf hieße, und erfuhren nun mit Schrecken, daßes Günthersberge, 2 Stunden vor Stolberg, war, wo wirschon Nachmittags gewesen waren. Wir waren müde undmatt und beschlossen die Nacht hier zu bleiben und standenSchlag 12 Uhr vor dein kleinen Gasthanse, wo sich dieLeute nicht wenig wunderten, uns wieder zu sehn. Amandern Morgen regnete es und wir glaubten schon, daßwir noch länger bleiben müßten, gingen aber nachher fort,da unsere Neisckasse leer war und langten im schönstenWetter zu Hanse an.
Das Resultat dieser Reise aber war die Befestigungmeines Entschlusses, nnd da ich bald darauf mein Bcrufungs-schreiben erhielt, so machte ich mich zum Eintritt bereit undlöste meine Verhältnisse, was sich aber bis zum 12. Juliverzögerte. Es war ja nicht so leicht ans dem Vaterhausezu gehen, aber doch gab mir der HErr, daß mir der Ab-schied nicht so schwer wurde; ging ich doch in seinen Dienst,und wenn mich meine Eltern auch entbehren mußten, meinesVaters Briefe zeugten nachher doch davon, daß sie zufriedenwaren, ja sich freuetcn, daß es so gekommen war. Meineliebe Mutter begleitete mich in der Nacht, wo ich abreiste,noch bis zur Post und ich fühlte es, was ihr Herz empfand,aber sie war stille und hat gewiß oft nach meinem Bildegesehen, denn so leicht kann ein Muttcrherz nicht ihresKindes vergessen, zumal wenn es in der Fremde ist.
Das Posthorn ertönte. Ade, liebe Mutter, grüße denVater nnd alle Lieben! Ade, Vaterstadt! Und bald führteder Weg wieder in die Harzbcrge bis nach Gernrode, vonwo ich dann zu Fuß hinüber nach Minstedt ging. Es waran einem Sonnabend gleich nach Mittag, als ich dort an-langte nnd von dem neuen Hausvater und Jnspector Vogelempfangen, und von Herrn Nathnsins und den Brüdernund Kindern begrüßt wurde. Eine neue Heimath und mit
7