Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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Räthen Bernhard Krechting, vormaligen Pastor z» Gildehans, und »ochdrei andere, zum Präsidenten den Patricier Chr. Karkerink. Zu ihnen ge-sellte er bald noch eine Menge untergeordneter Beamten und Diener; auchgoldne und silberne Münzen ließ er schlagen. Er selbst, der Monarch,prangte in prächtigen aber phantastisch ausgesuchten Kleidern und könig-lichem Schmuck; im Wappen führte er eine von zwei Schwerster» durch-stochene Wellkugel; 28 Trabanten bildeten seine Leibwache. Noch siebzehnder schönsten Mädchen der Stadt legte er sich als Frauen zu, und ließ fürsie ein eigenes Haus unter Divara's Vorsitz einrichten. Dreimal in derWoche pflegte er sich mit seinem ganzen Hofstaat und Gefolge in feierlichemZuge ans den Markt zu begeben, wo er von einem prächtigen Throneherab, der für ihn ldem Sentenzbogen gegenüber) errichtet war, das Rechtsprach. Auch Predigten wurden auf dem Markte, aus einer neben demThrone errichteten Kanzel, gehalten, und gewöhnlich das Ganze mit Tanzund Ausschweifungen beschlossen. Wirklich hörte seit Errichtung des Königs-thrones jeder geordnete Zustand, jede gesetzliche Ehe auf; die ruchlosesteGemeinschaft der Weiber trat ein; der König regierte wie ein morgen-ländischer Satrap in dem Staate der neuen Freiheit, und obgleich es anVersuchen zur Auflehnung gegen diesen Freiheitsalp nicht fehlte, so wußteer doch immer die Mehrzahl der Bewohner auf seiner Seite zu halten,und jede Empörung im Keime durch den Schrecken zahlreicher Hinrich-tungen der Betheiligten zu ersticken. Die Gefahr von Außen wurde aber,trotz der tapfersten Gegenwehr der Wiedertäufer, immer größer. Aufs Neuehatte der Bischof, und sehr dringend, von den Nachbarstaaten Hülfe gebeten,und eine Geldunterstützung auf dem Landtage z» Neuß am 15. Juni, nebstdem Versprechen fernerer Hülfe erhalten, im Falle die von ihm vorherzu ersuchenden Kreisstäiwe nicht darauf eingehen würden. Um diese Zeitkam auch das Leben des Bischofs in die größte Gefahr. Eine bei denWiedertäufern sich aufhaltende junge »nd schöne Holländerin, Hilla Fey-kens, faßte, aufgeregt durch die biblische Erzählung von der Judith unddem Holofernes, den Entschluß, den Bischof zu ermorden. Ihr Plan wurdcaber durch einen dem Bischof im Stillen ergebenen Münsterschen BürgerHermann Ramers, der nur zum Schein sich an die Wiedertäufer an-geschlossen und fast gleichzeitig mit der neuen Judith die Stadt verlassenhatte, verrathen, und die Urheberin zu Bevergern hingerichtet. Am31. Aug. 153) wurde von dem vereinigten Belagernngsheer, bei welchemsich jetzt auch der Kurfürst von Köln befand, nach einer vergeblichen Auf-forderung zur Ucbcrgabe und nach dreitägiger Beschießung, ein allgemeinerSturm auf die Start unternommen, aber ungeachtet mehrmaliger Wieder-holung durch die Gegenwehr der Wiedertäufer, bei welchen sogar Weiberthätig waren, abgeschlagen. Der Bischof beschloß nun, vor der Hand vonnochmaligem Sturm abzustehen, die Stadt möglichst enge einzuschließen,und um kräftigeren Beistand sich an das gesammtc deutsche Reich zu wen-den. Den Wiedertäufern aber war der Muth aufs Höchste gewachsen. Siewollten von Uebergabe nichts hören, wandelten Kirchhöfe, freie Plätze undStraßen in Ackerland um, erneuerten aber auch ihre Versuche um aus-wärtige Hülfe. Am 12. Okt. wurde auf dem Domplatz (oder der BurgZion) ein großes Mahl von der ganzen Bevölkerung, die ungefähr 210(1waffenfähige Männer, 40» Greise »nd Kinder, 50l) Weiber betrug, anlangen Tischen gehalten, welches man das gemeinschaftliche Abendmahlnannte. Bei dieser Gelegenheit wurden 27 sog. Apostel, unter ihnenDusentlchur, Klopreis, Vinnius und Stralen, durch vier verschiedene Thorenach allen Himmelsgegenden ausgeschickt, um zur Buße und fernerhin zurHülfe für das bedrängte himmlische Reich zu M. aufzufordern, was abernur den Erfolg hatte, daß sämmtliche Apostel aufgefangen und fast alleEingerichtet wurden. Ueberhaupt wurde in der Nähe und Ferne, wo sichein Aufruhr zu Gunsten der Wiedertäufer erhob, derselbe schnell und ener-gisch von der Obrigkeit unterdrückt. An irdischer Hülfe endlich verzweifelndverwies der Münstersche König die Seinigen auf überirdischen Beistand,den Gott gewiß senden würde, und setzte sein schwelgerisches Leben fort,während schon Hungersnoth in der Stadt sich auszubrei.en anfing. DenBemühungen des Fürstbischofs und des in dieser Angelegenheit vorzüglichthätigen Landgrafen Philipp von Hessen gelang es unterdessen, am13. Dezember >53) zu Koblenz einen Reichstag der vereinigten Ständedes kurrheinischen, oberrheinischen und des niederihcinisch-westphälischen

Kreises zu veranlassen, welchen auch der Kurfürst von Sachsen beschickte.In Erwägung, daß der Wahnsinn der Wiedertäufer dem ganzen deutschenReiche Gefahr drohe, dem Fürstbischof von M. aber nicht noch größereMühe und Kosten, als bisher, zuzumuthen seien, wurde beschlossen, dem-selben sogleich die nöthige Hülfe an Geld und Mannschaft zu gewähren,und im Falle diese unzulänglich sein sollte, den römischen König so wiedie Stände der übrigen Reichskreisc zu Hülfe zu rufen, und deßhalb aufeine allgemeine Versammlung derselben zu Worms, für den April 1535,anzutragen. Den Oberbefehl des vereinigten Heeres übernahm Wyrichvon Daun, Graf zu Falkenstein. Bor dem wirklichen Wiederansangeder Feindseligkeiten wurden die Belagerten durch ein wohlmeinendes Schrei-ben der vereinigten Stände zum Aufgeben ihrer Raserei und zur Wieder-herstellung der umgestürzten Verfassung, Religion und Obrigkeit aufgefor-dert; aber dieses half eben so wenig wie einige freundliche Schreiben desLandgrafen von Hessen und ein literärischer Schriftwechsel zwischen denWiedertäufern und einigen berühmten Theologen, wie auch eine zweiteAufforderung Wprichs von Daun, der am 18. Jan. 1535 vor die Stadtins Lager rückte. Johann von Leydcn tröstete die Bewohner durch dasVersprechen eines baldigen überirdischen Beistandes. Spätestens bis Ostern,so versicherte er, würden sie von aller Noth befreiet sein. Als aber dieNoth täglich stieg, wählte er, um Empörungen zu verhüten, aus seinenAnhängern 12 Herzoge aus, und übergab jedem ein Quartier der Stadtzur strengsten Aufsicht; auch vertheilte er. um bei der künftigen Theilungaller Länder Streitigkeiten vorzubeugen, im Voraus die Herzogthümer undFürstenthümer des deutschen Reiches unter sie. Als aber bis Osterndie versprochene überirdische Hülfe nicht erschien, hielt er sich, angeblichkrank, sechs Tage zu Hause, erschien dann heiter und wvhlgemuth auf demMarkte und erklärte, der himmlische Vater habe die Sünden des ganzenVolks auf ihn gelegt; darum sei er so schwach geworden; nun wären siedavon befreiet und dies wäre die versprochene Erlösung von aller Noth;die innere Freiheit sei aus diese Art errungen, die äußere würde schonnachkommen. Aus der Stadt zu gehen war Keinem erlaube. Doch zwangschon Anfangs April die zunehmende Hungersnoth, ungefähr 900 Männern,Weibern und Kindern diese Erlaubniß zu ertheilen, die aber, von denBischöflichen zurückgewiesen und in die Stadt nicht wieder aufgenommen,fast vier Wochen zwischen der Stadt und dem feindlichen Lager im gräß-lichsten Elend umherirrten, bis der Bischof die schuldigsten derselben ergrei-fen und hinrichten, die übrigen aber in verschiedenen Städten des Landesunterbringen ließ. Während nun das schrecklichste Elend in der Stadtherrschte, hörte der König nicht auf zu schwelgen und wie ein Tyrann zuwüthen. Mehre Einwohner, deren Plan, das himmlische Reich zu stürzen,verrathen war, und einige Weiber, die gegen die Gesetze desselben verstoßenhatten, ließ er schonungslos enthaupten. Einer seiner Frauen, der Eli-sabeth Wandscherer, welche, des ruchlosen Lebens und des allgemeinenJammers müde, ihn um Entlassung aus der Stadt gebeten hatte, schluger, im höchsten Grade über diesen Antrag aufgebracht, auf dem Markteim Beisein des ganze» Volks und der übrigen Kebswciber mit eigenerHand den Kopf ab, trat dann den Leichnam mit Füßen und sprach:Siewar eine Hure und allezeit zum Aufruhr geneigt; darum hat mir derhimmlische Vater befohlen, sie aus dem Wege zu räumen." Alle Kebs-weiber begleiteten diese Worte mit dem LobgesangEhre sei Gott in derHöhe," und der König begann jetzt mit ihnen auf offenem Markte diescheußlichsten Tänze. Dieses geschah am >2. Juni. Im April war in-dessen auf dem Convent zu Worms eine ausreichende Hülfe bewilligt, dieNoth in der streng eingeschlossenen Stadt aber schon Anfangs Jnni sogroß geworden, daß die meisten Bewohner zu den ekelhaftesten Nahrungs-mitteln griffen, selbst Menschenfleisch nicht ausgenommen, und sogar eineMutter ihre neugebornen Kinder, Drillinge, schlachtete und. EineMenge von Krankheiten folgte diesem Elende; viele Bewohner verschmach-teten, überall lagen Leichen. Die Lebenden schlichen wie hohläugige Ge-spenster umher, aber der König und sein Anhang wälzten sich in Wollustund Schwelgerci. Wirklich fanden seine Worte noch solches Zutrauen, daßViele glaubten, der himmlische Vater werde eher die Steine in Brod ver-wandeln, als sie im Elende verschmachten lassen, und seine Raserei gingso weit, daß er eine Aufforderung des Grafen v. Daun vom 30. Mai