Name Milingard, der zu zahlreichen Fabeleien Veranlassung gegebenhat, spricht gegen die Glaubwürdigkeit derselben. Wenn nämlich auch derMiinstersche Kalender seit undenklichen Zeiten die Aera: „Von Anfangder Stadt Milingard, nun Münster genannt" an der Spitzeträgt, so nennen doch die ältesten und glaubwürdigsten Urkunden den Ortnicht Milingard, sondern Mimigardevord, auch zuweilen Mimi-gernefort und Mimigarde. Diese haben größere Glaubwürdigkeit,als der Kalender, in welchem der Name Milingard aus einer späterenCorruption des Namens Mimigardevord entstanden sein mag. Wir müssendeßwegen auf Beweise über den Ursprung und den ältesten Zustand derStadt Münster verzichten, und uns zu Vermuthungen und schwachen hi-storische» Spuren wenden.
Die Nachrichten der Römer und Griechen in Verbindung mit denspäteren der einheimischen Schriftsteller zeigen uns das altdeutsche Volk derBrukterer als die ältesten Bewohner des Münsterlandes. In den Krie-gen der Römer mit den Deutschen werden sie oft erwähnt; häufige An-griffe von Seiten ihrer deutschen Nachbarn, namentlich der Chamaver, habenihnen nach des Tacitus Meldung frühen Untergang gebracht. Der Nameder Brukterer verschwindet hierauf aus der Geschichte; schwerlich möchteaber an eine völlige Ausrottung dieses Volkes zu denken sein, da einigeJahrhunderte später im Süden der Lippe, im jetzigen Best-Recklinghausenund einem Theil der Grafschaft Mark so wie des Herzogthums Westfalen,also südlich von den früheren Wohnsitzen der Brukterer, der große GauBoroktra erscheint, der durch seinen Namen an die Brukterer erinnert.Nehmen wir den Umstand dazu, daß hier schon von den römischen Schrift-stellern uns die kleinen Brukterer als Bewohner genannt werden, somöchte die Annahme, da sich hierher allmählich alle Reste des Brukterer-Volkes zusammengezogen haben, nicht zu gewagt erscheinen. Wenn es zu-dem fest steht, daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung einbedeutendes Drängen deutscher Volksstämme von Norden nach Süden stattgefunden hat, und wahrscheinlich das große Volk der Chauken, nacheinem Zweige seines Stammes Sachsen genannt, sich auf die südwärtswohnenden Volksstämme geworfen, und sie entweder vertrieben oder un-terjocht hat; so möchte das Verschwinden des Namens der Brukterer alseines durch die Sachsen theils ausgerotteten theils unterjochten Volkes, dersich nur noch in dem Namen jenes Gaues schwach erhielt, nicht befremdenkönnen. Ausgemacht ist es, daß bereits im fünften Jahrhunderte die Sach-sen als das herrschende Volk im heutigen Westfalen, Engern, Niedcrsachsen,Holstein und Mecklenburg erscheinen; das Munsterland sowohl als der GauBoroktra gehörten damals zum Sachsenlande. Die Sachsen waren eifrigeAnhänger des Heidenthums, so wie ihrer angestammten Versassung, undtapfere Krieger. Bekannt sind die Kämpfe der fränkischen Könige vor Karldem Großen mit ihnen; vergeblich waren alle Versuche, den wohlthätigenKeim der christlichen Religion dauernd bei ihnen zu befestigen. Als tapferedem Heidenthum eifrig anhängende Sachsen haben wir uns die Bewohnerdes Münsterlandes vom fünften Jahrhundert bis zu Karls des GroßenZeiten zu denken. — Ohne die Meinung neuerer Schriftsteller, daß schonim ersten Jahrhundert Münster ein Hauptort oder Versammlungsort derBrukterer für gemeinschaftliche Berathungen gewesen sei, annehmen oderbestreiten zu wollen, und ohne auf eine erst später auftauchende Sage, daßM- seine Entstehung durch eine auf dem Domplatze befindliche Burg, dieHorsteburg, erhalte» habe, irgend ein Gewicht zu legen, bleibt es im-mer wahrscheinlich, daß Münster schon lange vor Karls des Großen Zeitein Hauptort des sächsischen Gaues, in welchem es lag, und zwar ein vielbesuchter Ort gewesen sei, freilich wohl ohne andere Häuser als die derOrtsbewohner. Namentlich spricht dafür die Gründung des späteren Bis-thums gerade an dieser Stelle; bekanntlich wurden von den christlichenBekehren! ans vielen Gründen am liebsten solche zu Zusammenkünftendienende Oerter, die zugleich oft Stätten des heidnischen Gottesdienstessein mochten, zur Errichtung der Kirchen ausgewählt. Auch die Etymologiedes alten Namens Mimi-garde-vorv ldie Fuhrt bei Mimigardet deu-tet auf eine wegen des leichteren Aa-Ueberganges viel besuchte Stelle.
Die Stadt Münster liegt auf dem Grunde dreier uralter Höfe, z>a,wo diese von drei Seiten an der Aa zusammenstoßen, so daß sie die drei
äußersten Ecken einnimmt, und durch deren allmähliche Zusammenziehungentstanden ist. Ohne Frage waren diese Höfe schon vor Karls des GroßenZeiten in ihren fest bestimmten Gränzen vorhanden. Diese Höfe warenk) der Bröckhof fauch Brachworde Hof), östlich von der Aa, dieKirchspiele Lamberti, Sereatii, Ludgcri und Aegidii in der Stadt, undaußerhalb derselben mehr als eine Quadratmeile in östlicher und südlicherRichtung einnehmend. 2)DerKampvordcshof oderKamperbeckeshof,ebenfalls östlich von der Aa der in der Stadt das Martini-Kirchspiel,außerhalb derselben in der Ausdehnung von fast zwei Quadratmeilen dasKirchspiel der Vorstadt St. Mauritz einnahm; 3) der Jüdefcldeshoffeigentl. Godeveldcshos) oder Gassclhof, westlich von der Aa, dasKirchspiel llebcrwasser in der Stadt, und außerhalb derselben das gleich-namige Kirchspiel in der Ausdehnung von einigen Quadratmeilen, einneh-mend. Der Brockhof, dessen Name noch in den Ländereien unmittelbar vor demLudgcri-Thore erhalten ist, war der wichtigste von diesen; wahrscheinlich warendie anderen ihm in gemeinsamen Angelegenheiten untergeordnet. Frei nachselbstgewähltem Gesetz und Herkommen, in einzelnen zwischen Gesträuch undBuschwerk versteckten Hütten, lebten die ältesten Bewohner Münsters aufdiesen Höfen.— Die ersten Versuche zur Einführung des Chri-stenthums in diese Gegenden sollen schon in der ersten Hälfte des 8.Jahrhunderts durch den heil. Suibert von der Utrcchter Missions-An-stalt gemacht sein; jedoch sollen die Verheerungen des mächtigen Friesen-fürsten Radbod sie wieder vertilgt haben. Der erste historisch beglaubigteVersuch ist nicht lange nach Radbods Tode und nach Abschluß des Pader-borner Friedens von der Missionsanstalt zu Eresburg durch einen gewissenBcrnrad, früherer Probst zu Kaiserswerth, im Jahre 779 geschehen.Dieser stiftete die erste christliche Gemeinde zu Münster, von welcher wirsichere Nachricht haben, und stand derselben als Missionarius vor; er ver-waltete als solcher das Amt des Bischofs, war aber nicht wirklicher Bischof.Einen bleibenden Sitz konnte er hier aber erst gewinnen, als einige Jahrespäter nach endlicher Bezwingung der Sachsen durch Karl d. Gr. der christ-lichen Religion und ihren Anhängern dauernde Ruhe verschafft wurde. Erlebte in treuer Pflichterfüllung bis zum Jahre 7g l. Bald nachher schrittder mächtige Kaiser, der schon so viele Bisthümer im neubekehrten Sach-^ scnlande gegründet hatte, auch zur Stiftung eines Bist ums im Orte^ Mimigardevord. Ein durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausgezeichneterPriester, ein geborner Friese und auch in der Utrechtcr (friesischen) Mis-sionsanstalt gebildet, der h. Ludger, wurde von ihm zum Bischof vonMünster ernannt. Er hatte vorher das ihm gebotene Erzbisthum zu Trierausgeschlagen, indem er einwandte: „eine solche Kirche, in welcher so vieleMänner gelehrter als er, und würdiger einer so großen Ehre wären, könneseiner leicht entbehren, er schicke sich besser für rohe Völker, und bitte umein Hirtenamt in Sachsen." Zehn Jahre nach seiner Ernennung verschober den Empfang der bischöflichen Weihen, verwaltete aber seinen Sprengelmit bischöflicher Vollmacht. Erst im Jahre 892 nahm er die Weihen, under erscheint seit dieser Zeit als der erste wirkliche Bischof vonMünster. Schon gleich im Jahre nach seiner Ernennung hatte er zuMimigardevord ein „Münster," d. h. ein Kollegium für sich und seineGeistlichen, „die nach kirchlichen Regeln dem Herrn dienten,"(^lonusierium sub regulu cimonwii äumino kaniulantiuin) erbauet Dieseswar aber kein Kloster im eigentlichen Sinne des Wortes, und die Geist-lichen darin keine Mönche. Man nannte sie Ononici, von ihrer kirchlichenRegel fcan»»); unter sich hießen sie Brüder lkesires). Ihre Regel, welchesie von der damals noch sehr rohen Welt entfernte, war vermuthlich die desChrodogang von Metz; sie wohnten in einem Hause, schliefen in dem-selben Zimmer, speiseten an einem Tische, und bekamen ihren ganzenUnterhalt, selbst die Kleidung aus dem gemeinschaftlichen Kirchengute. AuchBetstunden und sonstige Anoachtsübungen fboras) hatten sie gemein, undsogar auf der Reise sollten sie ihr Zusammenleben so wenig als möglichaufgeben. Sie betrachteten den Bischof als ihren Oberen, dem sie in jederRücksicht, wie Mönche ihrem Abte, unterworfen waren. In vielen Stiften,und wahrscheinlich auch in Münster, setzte ihnen derBischof einen besondernBorstand, welcher bald Archidiakonus, bald Präpositus, bald Primitiariushieß. Auch begleiteten sie den Bischof auf seinen Visitationsreisen, undhalfen ihm bei seinen Amtsverrichtungen. Pfarrerstellen an den Kirchen