Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Der Prinz von Preußen war in der ganzen letzten Zeit vor derRevolution, (erklärlicherweise, aber dock mit Unrecht) der Gegenstandder bittersten Anfeindung geworden. Die Gründe, weshalb dieserPrinz der unbeliebteste war, find folgende: Er hatte von seinem Vaterdie ganze Vorliebe für das Militair geerbt, für militairische Organi-sationen und Einrichtungen jeder Arr. Zu viel Gewicht legte er auchwohl aus die äußerlichen, mechanischen Bestimmungen des Dienstes, derKleidung u. s. w. Dieser streng militairische Sin» hatte dem Prin-zen auch äußerlich etwas formelles, zuweilen Schroffes gegeben, dasallerdings keinen günstigen Eindruck machte, dem aber ein völlig andererS»>n untergelegt wurde. Der Prinz war aristokratisch gesinnt, dochim edleren Sinne des Worts, d. h. er hielt es für Pflicht der höherenStände, insbesondere des Adels, die Sorgen für den Staat und dasVolk vorzugsweise zu übernehmen, aber auch mir der größeften Ge-wissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser Pflicht zu verfahren. SeinWahlspruch war: »ickge; und er erfüllte diese Obliegenheiten

an seiner Stelle durch unermüdliche Arbeitsamkeit, strenge Gerechtigkeit,aufmerksame Fürsorge in allen den bedeurenden Geschäften die ihm ob-lagen. Er traute dem Segen des Liberalismus nicht, und sieht man,wie er sich sofort äußerte, als er freies Spiel hatte, so zeigt sich jenerVerdacht leiver gerechtfertigt. Dennoch, als durch den nicht abzuweisen-de» Geist der Zeiten, Preußen im Jahr >847 (und in manchen Be-ziehungen schon vom Jahre 1640 an) auf der Bahn des Liberalismusvorwärts ging, die alten bessern Wege aufsuchte, die es »ach !80t> ein-geschlagen hatte, da war es der Prinz von Preußen, der da erklärte:Sei diese Bahn einmal für die richtige und nothwendige erkannt, somüsse man ihr auch mit ganzer Ausrichtigkeit folgen." Er war nichtder Opponent des Königs und der Regierung, sondern wie er von sei-nem Standpunkt aus den Gehorsam als das erste Element der Ordnungund des Heils im Staate forderte, so leistete er ihn auch.

Der Haß (der sich damals aber nur in denen, die mit Bewußt-sein Politik machten, nicht im Volke bewegte) traf ihn also sehr mitUnrecht, knüpfte sich an äußere Formen, nicht an die Wahrhaftigkeitseines Wesens.

Indeß wurde die Saat des Hasses für damals wäre wohl dasWort Unbeliebtheit noch der ricktigere Aufdruck, immer weiter ge-streut, zumal in den westlichen Provinzen, wo schon ein größeres öffent-liches Leben herrschte, die Organe der Presse, wenn auch überwacht,doch viel freier waren, als in den alten Provinzen. Durch dieSprache dieser, und zum Theil selbst durch die Führer der parlamen-tarischen Opposition jener Landcstheile, wurde die Stimmung gegenden Prinzen von Preußen in den westlichen Provinzen so gereizt, daß,als die Februar-Erschütterungen von Frankreich her durch Europa dröhn-ten, und es nothwendig wurde, eine» Mann von hohem Ansehn, demauch das Heer Vertrauen sckenkte, an die französischen Grenzen zuschicken, der Minister Bvdclschwingh auf das Aeußerstc angefeindetwurde, weil er eben den Prinzen von Preußcn als den geeignetstenfür diese wichtige Mission betrachtete. (So standen die Gesinnungen,als im März >646, die Bearbeitung der Volksinaffen durch die Send-linge und Söldlinge der Umsturzparthei, deren Seele offenbar zumeistpolnischer Haß und polnisches Geld waren, in Berlin begannen.) DaAlles gesckah um zunächst die Fackel der Zwietracht zwischen die be-waffnete Macht und die Bürger und Handwerker zu werfen, so war esbegreiflich, daß der Prinz von Preußen mit der Gegenstand deräußersten Anfeindung wurde. Indessen hatte der Prinz, stets im Be-griff abzureisen, gar kein Cvmmando geführt, in jenen unruhigenTagen, die der Hauptcrplosion vorangingen. Auck bei dieser war ernickt thätig, denn bekanntlich führte bis zum Mittag den >8. Märzder General von Pfuel das Commando der Truppen, uiid von da abder General von Prittwitz; nach einer Lesart, weil der Generalvon Pfuel seine Demission eingegeben hätte, nach einer andern, weil,während er sich vom Schloß entfernt hatte, dem General von Pritt-witz der Oberbefehl übertragen worden war. Der Prinz vollPreußen war also außerhalb jeder militairische» Beziehung zu derNacht vom 16. zum l!>. März. Dennoch wurden, sobald der Kampf am

Ist. durch den großmüthigen Akt des Königs beendet, und der unseligeBefehl, die Truppen aus der Stadt zu ziehen, gegeben war, die ge-hässigsten Beschuldigungen gegen den Prinzen ausgesprengt. Er solltedie Seele aller Angriffe gewesen sein, darauf bestanden haben, denKampf, und könne cS nur mit der Vertilgung der ganzen Stadt ge-schehen, unerbittlick fortzusetzen. Er wurde überhaupt der äußerstenFeindseligkeit der Gesinnungen gegen die Bürger, gegen die Freiheitangeklagt. War es wirklicker, aus Verblendung über die Eigenschaftenund den Charakter des Prinzen entsprungener Haß, der hier die Flam-men schürte, oder fürchteten die Führer des Umsturzes des Prinzenmuthvollen, ritterlichen Sinn, die Beharrlichkeit seines Willens; genugman erbitterte die Massen immer heftiger gegen ihn, und die Haltungderselben wurde jede Stunde bedrohlicher. Der König, der sich jedesSchutzes durch seine getreue» Krieger begeben hatte, um durch das frei-sinnigste Vertrauen die Menge von ihrem verblendete» Haß zu bekehren,sah dieses Vertrauen völlig getäuscht; die grauenvolle Scene im Schloß-hos wo man ihm und der Königin die Leicke» der gefallenen Barri-kadenkämpfer vor Auge» führte, hatte ihn auf die entsetzcnvollfte Weisedarüber belehrt. Der Prinz und selbst die Prinzeß konnten sich im Schloßnicht mehr für sicher erackten. Die letztere wagte es, sich verschleiert,zu Fuß, nur mit einer Dame ihrer Umgebung, durch die auf denStraße» sich umhertreibcnden wilden Horden vom Schloß nach demPalais zu begeben. Ein Offizier in Civilkleidern, und ein ehemaligerAdjudanr des Prinzen, der zufällig von seinen Gütern in Berlin an-wesend, eben so zufällig unter der Menge vor dem Sckloß die nur voneiner Hofdame begleitete Prinzessin in ihrer Verkleidung erkannte, gabenden beiden muthvollen Frauen den Arm und das Geleit. Jnzwisckenwar ein Wagen in Bereitschaft gesetzt worden, mittelst dessen der Prinzverkleidet, mit den Scinigen die Stadt verließ, und die Nacht aus demCarlsbade, einer Vorstadt von Landhäusern bei Berlin, zubrachte, so-dann seine Fluckt nack Spandau, u. s. w. und später bis England be-werkstelligte. Als es bekannt wurde, daß der Prinz Berlin verlassenhabe (am Montag 20. März), zogen die revolutionären Rotten, (damalsfreilich eine ungeheure Zahl der Bewohner Berlins die in der Freiheitnur die Willkühr sah, all und jedes zu thun, was ihr beliebte,) vor dasPalais, und wollten es der Erve gleich mackcn. Der Haufe umlärmrces mit drohende» Ausrufungen. Wie es aber stets bei solchen Gelegen-heiten geschieht: so fühlt jeder Einzelne das schwere Unrecht und diemoralische Verantwortlichkeit dock zu klar, und möchte nur unter demSchutz der Andern, derMcnge, einen kleinen Antheil, den man allen-falls bei sich zu verantworten hofft, an dem Verbrechen übernehme»,um seiner Zerstörungslust, der Freude am Unfug, zu genügen. Be-ginnen will Niemand. Auch mochte wie fast immer, die Hauptmasseaus Neugierige» bestehen, die nur der Dinge harrten, und da schauenwollten, was sich begeben werde. So war es denn möglich, daß beidieser innern sittlichen Sckeu vor der That, und bei der bessern Stim-mung die trotz des Scheins, wohl bei einem großen Theil vorwaltete,dem Unheil durck vernünftigen Zuspruck und entschlossener That gewehrtwurde. Das Verbrechen, die Schande der zerstörten Artillerie-Wagen-häuser vor dem Oranienburger Thore, wo in der Nacht zum lll. füranderthalb Millionen des trefflichen Kriegsmaterials durch den Pöbelin Flammen vernichtet worden waren, wiederholte sich zum Glück dies-mal nicht. Ein rettendes Glück für das Palais war zunächst die Nähezweier Gebäude, der Universität und der Bibliothek. Denn vorder ersteren war eine Menge von Studircnven versammelt, die, zwarvon einem falschen Freiheitswahn Hingerisse», Mithelfer der Revolutiongewesen waren, aber doch in dem edleren Sinn der Bildung undJugend, nur Herrliches dadurch bezweckten, und unmöglich der Rohheitdes Pöbels sich gesellen konnten. Und die Bibliothek, wo die Sckäyedes Wissens von Jahrtausenden aufbewahrt lagen, mußte für diese derWissenschaft geweihte Jugend ein Palladium lein, dessen Schutz ihr dieheiligste Pflicht war. Eine Zerstörung, ein Brand des Palais desPrinzen, hätte die Zerstörung der Bibliothek unabweisbar mit veran-laßt. Also schon um diese zu hindern, aber auch um die Gewaltthatgegen das Eigenthum überhaupt zu hemmen, zogen Studirende und