seine Bande, entwand dem Henker das Schwert, schwang es um sich und machte sich Bahn.Er überlebte zwar seine Befreiung nicht lange, aber das Volk folgte in ernstem langem Zug undfestlichstem Schmucke seinem Sarge, auf dem das blutige Richtschwert lag, und die Begeisterung fürdes entschlossenen Mannes That war so allgemein und sprechend, daß der Stadtrath und die Ka-tholiken eiligst die Flucht ergriffen. Neben solchen lärmenden Austritten und herkulischen Gestaltengeben die Jahrbücher der Stadt aus andern Blättern Nachweis von friedlichster Beschäftigung, vonfleißigem Feldbau und thätigstem Betrieb des Handels, gleichwie sich auf dem Schild des Achilleusneben Belagerung und Schlacht Pflüger und Winzer finden. Die Kirchenbauten der Stadt, wiewir sie zum Theil auf Blatt 31 und 32 zu sehen Gelegenheit haben, zeugen von Mannigfaltigkeitund Fortschritt in den künstlerischen Formen, ja sie deuten in ihrer Eigenthümlichkeit auf eine selb-ständige Kunstschule hin. Einer der vorzüglichsten Schüler Dürer's, der Maler und KupferstecherAldegrever, ist in Soest geboren und begraben, und will man die neuste Zeit nicht unberürt lassen,so verdienen auch Seidenstücker's Verdienste um Erziehung und Bildung rümende Erwänung. DiesAlles nur als Andeutung, daß in der Geschichte der einzelen Städte ein reicher Stoff der Beleh-rung und Erhebung ruht und daß für das Auge des geschichtlich Gebildeten gar Vieles Reiz undBedeutung hat, was für Andre wertlos ist.
Müh- und gefarlos durchwandern wir im Anschauen dieser Blätter das deutsche Vaterlandund überspringen mit Gedankenschnelle wie Träumende die weitesten Räume, die zwischen fernenStädten liegen. Wir gelangen durchs Stadtthor von Soest — in die Frankfurter Paulskirche,von einer gefallnen Größe zur andern, von einem vereinsamten Orte zum andern. Weg von demGrab der gerechtesten Hoffnungen! Der Schmerz über gescheiterte hochsinnige Pläne soll den Mutnicht unterdrücken. Dazu mahnt auch dein Standbild, niemals zagender Bonifacius, in Fulda.Wir wandern am gleichnamigen Flusse aufwärts bis in das reizende Thal von Münden und ver-weilen dann länger im nahen Göttingen, wo wir mit gemischten Gefülen der Ehrerbietung und derEntrüstung die Räume betreten, in denen Haller, Kästner und Lichtenberg, Hugo, Voß, Heyne undK. O. Müller, Gauß und Harding und so viele andere Zierden und ausgezeichnete Lehrer derWissenschaft gelebt und gewirkt, in den Räumen, in denen der musterwerteste Jugendbund, derstrebsame Hainbund, sich für Dichtkunst und Tugend begeisterte, aus denen aber auch die ruhmwür-digen sieben Professoren vertrieben wurden, weil sie thaten, was ihr Gewissen sprach. — Auch diefolgenden Städte im Gebirgs- und im Flachland von Hannover, in Westfalen und in — Schlesien(wir reisen noch schneller, als mit der Eisenbahn) nehmen unsere Theilnahme mannigfach in An-spruch. Hier ist es die Natur, dort das Getreibe der Menschen, Fabriken, Brauereien, Salzsiede-reien, Ackerbau, Handelsverkehr, in Celle, der Wiege eines zartfülenden Dichters, ist es der seineTon der Gesellschft, in Paderborn sind es die streng katholischen Lehranstalten, welche jedem Orteseine Physiognomie, sein kenntliches Gepräge geben. Lüneburg fürt uns auf kriegrischen Schauplatz,auf dem der Kampf gegen die Franzosen durch Mädchendienst, durch die von Rückert so lieblich be-sungene Johanna Stegen, nicht verloren ging. — Breslan mit Tauenzien's Denkmal und Blücher'sStandbild, die Stadt, wo Garve geboren war und ein Manso, ein David Schulz und andre be-redte Forscher lehrten, wecket viele geschichtliche Erinnerungen; Liegnitz an der Katzbach, an welcherder Fürst von der Wahlstadt die Reihe seiner Siege eröffnete, Neiße, Glatz und Brieg, ihr habtviele Waffen geschmiedet und Waffengetöse vernommen, gebe Gott, daß bald „in die Sichel sich desSchwertes Schärfe verwandle."
Darmstadt, am 16. Dezember 1846.
vr Karl Wagner